Geschichten über Verlust, Hoffnung und das Weitergehen

Die leisen Bücher für laute Tage

Manchmal braucht es keine laute Geschichte, um tief zu berühren. Es gibt Romane, die leise erzählen, klar in ihrer Sprache, und gerade dadurch so viel in Bewegung setzen. Nach der letzten Seite bleibt etwas in dir zurück, wie Nebel über einer Landschaft, der nicht sofort verschwindet. Geschichten, die Trost spenden, aufrütteln, Mut machen, und noch lange nachklingen.

 

Es gibt Geschichten, die sprechen nicht laut, und trotzdem hört man sie noch lange.

Fogandbooks

Kleine Dinge wie dieseClaire Keegan

Ein kurzer Roman, der zeigt, wie viel Wucht in einem einzigen moralischen Moment liegen kann. Es geht um Mitgefühl, um Wegsehen, um das Gewicht von Entscheidungen, die keiner bemerkt, außer dir selbst. Still, präzise, brutal menschlich. Es ist ein schwieriger Stoff, und genau das macht die Lektüre so eindringlich. Der Ton ist außergewöhnlich fein, fast zart, und trotzdem schneidet er tief. Dieses Buch erzählt von Grausamkeit, die nicht aus einer fernen Vergangenheit stammt, sondern erschreckend nah ist. Während man liest, drängt sich immer wieder derselbe Gedanke auf: Wie kann es sein, dass Menschen einander zu so etwas fähig sind.

Er fragte sich, ob das Leben überhaupt einen Sinn habe,
wenn man einander nicht helfe.

Kleine Dinge wie diese ( Small Things Like These ), Claire Keegan

 

Claire Keegan ist eine irische Autorin, bekannt für ihre sehr knappen, präzisen und emotional intensiven Texte. Mit „Small Things Like These“ gewann sie 2022 sowohl den Kerry Group Irish Fiction Award als auch den Orwell Prize for Political Fiction, zudem wurde der Roman für den Booker Prize nominiert. ARTE widmete ihr zudem eine literarische Dokumentation ; Claire Keegan, eine Stimme gegen die Ungerechtigkeit

StonerJohn Williams

Ein stilles Meisterwerk über ein scheinbar unspektakuläres Leben, das beim Lesen plötzlich riesig wird. Kein Pathos, keine großen Effekte, keine künstlichen Wendungen, nur dieser klare, unaufgeregte Blick auf einen Mann, der einfach versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Und genau darin liegt die Wucht. Stoner erzählt von Arbeit, Liebe, Enttäuschung, Einsamkeit und Würde, von den leisen Entscheidungen, die ein Leben formen, ohne dass man es im Moment begreift.

In mir siehst Du den späten Tag sich neigen,
Das Dunkel in die graue Dämmerung dringen,
Die Nacht mit ihrer Schwärze langsam steigen
Und Todes Bruder, Schlaf, die Welt sich umschlingen.

Stoner, John Williams –  n. Shakespeare, Sonett 73

 

Stoner ist Weltliteratur, weil es das Universelle im Alltäglichen findet. Weil es zeigt, dass ein Leben nicht spektakulär sein muss, um bedeutend zu sein. Weil es die Tragik und Schönheit eines Daseins sichtbar macht, das von außen betrachtet klein wirkt, aber innen voller Kämpfe, Sehnsucht und stiller Größe ist. Dieses Buch schreit nicht, es flüstert, und genau deshalb bleibt es. Es setzt sich fest, unaufdringlich, aber endgültig. Ein Roman, der dich nicht laut beeindruckt, sondern langsam verändert. Und wenn du ihn zuschlägst, hast du das Gefühl, etwas über das Leben verstanden zu haben, das sich vorher nicht in Worte fassen ließ.

John Williams (1922–1994) war ein amerikanischer Schriftsteller und Literaturprofessor, der lange Zeit eher im Schatten stand. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde er weltweit neu entdeckt, vor allem durch seinen Roman Stoner, der heute als leises Meisterwerk gilt. Neben „Stoner“ veröffentlichte er „Butcher’s Crossing“ und den Briefroman „Augustus“, der mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde.

AbitteIan McEwan

Ein Roman wie ein sauber gesetzter Schnitt, erst wirkt alles klar, fast elegant, und dann merkst du, wie tief er geht. Abbitte beginnt mit einem Sommer, der nach Hitze, Garten und großen Gefühlen riecht, und endet in einer Wahrheit, die weh tut, weil sie so menschlich ist. Es geht um Schuld, um Fantasie, um die Gewalt von Missverständnissen, und darum, wie ein einziger Moment ein ganzes Leben verschieben kann. McEwan schreibt präzise und zugleich voller Atmosphäre, und genau das macht es so brutal schön: Du siehst alles, du fühlst alles, und trotzdem bleibt da diese stille Kälte der Konsequenzen.

Ich habe nie einen Moment gezweifelt. Ich liebe dich.
Ich glaube dir vollkommen.
Du bist mein Liebling. Mein Lebenssinn.

Ian McEwan, Abbitte

 

Am Ende bleibt Abbitte wie ein leiser Schatten im Raum. Nicht, weil es laut sein will, sondern weil es diese eine Frage stellt, die man nicht abschütteln kann: Was, wenn eine einzige falsche Entscheidung reicht, um alles zu zerstören. McEwan erzählt das mit einer Klarheit, die schmerzt, und mit einer Schönheit, die dich trotzdem weiterlesen lässt. Ein Roman, der nicht einfach endet, sondern nachwirkt, wie ein Gedanke, der immer wieder zurückkommt. Ein Buch über Liebe, Krieg und die Frage, ob man je wieder gutmachen kann, was einmal falsch erzählt wurde. Und am Ende sitzt du da und denkst, das war nicht nur eine Geschichte, das war ein Urteil.

Ian McEwan wurde für seinen Roman „Amsterdam“  1998 mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Ein Jahr später wurde ihm der Shakespeare-Preis der Alfred-Töpfer-Stiftung als Auszeichnung für sein Gesamtwerk verliehen. Unter anderen wurde er  2020 mit der Goethe-Medaille des Goethe-Instituts ausgezeichnet.

Der Gesang der Flusskrebse – Delia Owens

Atmosphärisch, naturverbunden, melancholisch. Es ist nicht nur eine Geschichte über Einsamkeit und Überleben, sondern auch über Zugehörigkeit, Misstrauen und dieses stille Gefühl, immer ein wenig außerhalb zu stehen. Die Natur ist hier kein Hintergrund, sie ist ein eigener Charakter, rau, schön, unerbittlich und tröstend zugleich. Das Setting trägt fast mehr als die Handlung, und genau darin liegt die Stärke des Romans, weil jede Seite nach Salzluft, Schilf und Stille klingt.

Mit jedem Gedanken konnte sie das Moor enger um sich herum spüren.

Der Gesang der Flusskrebse, Delia Owens

 

Kya Clark lebt seit Jahren zurückgezogen im Marschland,  dem endlosen Rhythmus der Gezeiten.  Doch  gerät ihre abgeschottete Welt ins Wanken. Kya beginnt, Nähe zuzulassen und sich ein Leben vorzustellen, das mehr ist als Überleben, bis Entscheidungen und Gefühle eine Kette von Ereignissen auslösen, die nicht mehr aufzuhalten ist. Als Chase Andrews tot aufgefunden wird, ändert sich alles, denn plötzlich richtet sich der Blick der ganzen Stadt auf eine einzige Person: Kya Clark. Während Barkley Cove urteilt, ohne zu fragen, bleibt Kya in ihrer Welt aus Salzwiesen, Wind und Gezeiten, einer Landschaft, die ihr Zuflucht und Schule zugleich war. Aber jede Entscheidung hat Folgen, und aus der Hoffnung wächst eine Geschichte, die sich immer weiter zuspitzt.

Delia Owens verbindet Krimi und Coming of Age zu einer intensiven, bildreichen Geschichte über Einsamkeit, Herkunft und die Frage, wie sehr uns die Vergangenheit prägt. Und darüber, wie unberechenbar die Natur sein kann, in ihrer Schönheit ebenso wie in ihrer Gewalt.

Delia Owens ist eine US amerikanische Autorin und Zoologin. Ihr Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ war ihr literarischer Durchbruch und wurde weltweit ein Bestseller. Das Buch war zudem Nominiert bei den Indie Book Awards 2020.  In Japan erhielt der Roman den Booksellers Award. 

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Das Geschenk des Meeres Julia R. Kelly

Dorothy MacLeod unterrichtet in Skerry, einem abgeschiedenen Dorf, in dem die See nicht nur Treibgut anspült, sondern auch Wahrheiten, die längst hätten ruhen sollen. Als der verschlossene Fischer Joseph MacGregor eines Morgens ein Kind am Strand findet. Ein Kind, das der Lehrerin Dorothy verstorbenem Sohn erschreckend ähnlich sieht, als wäre es aus demselben Leben geschnitten, bringt etwas ins Wanken. Ein altes Leid, das nie wirklich verschwunden war, kehrt zurück und legt sich wie Nebel über die Insel.

Was ist, wenn ich es nicht liebe?
Was ist, wenn ich nicht weiß, wie ich für es sorgen soll?
Was, wenn ich meine Mutter bin?

Das Geschenk des Meeres, Julia R. Kelly

 

In Das Geschenk des Meeres zieht Julia R. Kelly uns in diese Geschichte hinein wie in einen verschlossenen Raum, behutsam, klar und ohne unnötige Worte. Alles wirkt kontrolliert und doch liegt unter jeder Szene eine leise Unruhe, ein Hauch von Dunkelheit, der bleibt. Ein Buch, das nach Salzluft riecht, nach Erinnerung, nach dem, was man verloren hat und trotzdem weiterträgt. Es erzählt von Nähe und Schuld, von dem, was unausgesprochen zwischen Menschen liegt, und von der Frage, ob ein Ort uns retten kann, oder ob er uns nur zeigt, wer wir wirklich sind.

Ihr Debütroman „Das Geschenk des Meeres“ war auf der Longlist für den Mslexia Novel Prize, den Exeter Novel Prize, PenguinWriteNow und den Bath Novel Award, wurde mit dem Blue Pencil First Novel Award ausgezeichnet und in zehn Sprachen übersetzt.

Das Leuchten der Rentiere –  Ann-Helén Laestadius

Elsa ist neun Jahre alt, als sie in der eisigen Weite Lapplands etwas sieht, das ihr Leben für immer verändert. Sie wird Zeugin, wie ihr Rentierkalb getötet wird, und der Täter zwingt sie zum Schweigen. Elsa bleibt zurück mit Angst, Ohnmacht und einer Schuld, die nicht die ihre ist. Doch niemand hört ihr zu, denn für die Polizei ist das Rentier nur „gestohlen“, kein Verbrechen, kein Grund zu ermitteln. Die Bedrohung für die Sámi und ihre Herden wächst, und Elsa gerät selbst ins Visier. Erst jetzt findet sie den Mut, sich ihrer unterdrückten Wut, ihrer Angst und der alten Schuld zu stellen, und endlich nicht mehr zu schweigen.

Samisch zu sein bedeutete,
seine Geschichte in sich zu tragen,
als Kind vor dem schweren Rucksack zu stehen
und sich zu entscheiden,
ihn zu schultern oder nicht.

Das Leuchten der Rentiere,  Ann-Helén Laestadius

 

Ein Roman, der nach Schnee, Weite und Neuanfang leuchtet, still und zugleich voller Kraft. Erzählt mit einer Wärme, die unter die Haut geht, und einer Atmosphäre, die man nicht vergisst. Das ist Literatur, die tröstet, aufrüttelt und lange nachklingt. Der Roman zeigt auf erschütternde Weise und zugleich mit einer stillen, eindringlichen Schönheit, wie tief Gewalt, Ausgrenzung und Gleichgültigkeit in ein Leben schneiden können, selbst dann, wenn sie von außen kaum sichtbar sind. Er erzählt von einem Kind, das zu früh lernen muss, was es bedeutet, nicht ernst genommen zu werden, und davon, wie sich Angst wie Frost in die Seele legt. „Wenn die Angst schweigt, klingt Mut irgendwann wie ein Schrei.“ – Fogandbooks

Ann-Helén Laestadius, geboren 1971, ist eine schwedische Journalistin und Autorin und gebürtige Sámi. „Das Leuchten der Rentiere“ wurde in Schweden als „Book of the Year“ ausgezeichnet, ist ein international Bestseller und wurde für den Dublin Literary Award nominiert.

 

Das ganze Leben auf einmal –  Keith Stuart

Tom leitet ein kleines Provinztheater im englischen Somerset und zieht seine Tochter Hannah allein groß. Zu ihrem Geburtstag bringt er jedes Jahr ein ganz besonderes Stück auf die Bühne, ein Moment voller Magie, der ihnen beiden hilft, an Wunder zu glauben. Denn Hannah lebt mit einer unheilbaren Herzschwäche, und je näher ihr sechzehnter Geburtstag rückt, desto deutlicher spürt sie, dass ihre Zeit knapp wird. Als dann auch noch die Schließung des Theaters droht, geben Tom und Hannah nicht auf. Sie kämpfen darum, dass ihre Bühne bleibt, und dass ihre Geschichte nicht einfach endet. Vielleicht wartet in einem letzten großen Auftritt mehr als nur Abschied, vielleicht ist es auch eine letzte Hoffnung.

Die Welt ist so groß, wie man sie haben will,
und sie überdauert so lange wie die Erinnerung daran.

Das ganze Leben auf einmal, Keith Stuart

 

Was diesen Roman so besonders macht, ist seine Emotion, die nicht aufgesetzt wirkt, sondern aus dem Leben kommt. Er erzählt von Liebe, die manchmal hilflos ist, aber nie schwach, von Angst, die mitläuft, ohne alles zu verschlucken, und von Hoffnung, die sich nicht groß ankündigt, sondern in kleinen Momenten aufblitzt. Im Kern ist es die innige, ungewöhnliche Beziehung zwischen Vater und Tochter, die trägt. Da ist Nähe, Humor, Trotz, und dieses verzweifelte Festhalten an der gemeinsamen Zeit. Gleichzeitig liegt über allem die Schwere einer Erkrankung, die jeden Tag kostbar macht. Genau diese Mischung aus Wärme, Schmerz und echtem Zusammenhalt macht den Roman aus und lässt ihn lange nachklingen.

Keith Stuarts Debütroman  „A Boy Made of Blocks“, auf dem der deutsche Titel „Tage mit Sam“ basiert, wurde darüber hinaus für den Waverton Good Read Award nominiert. Die Inspiration für seinen Debütroman „Tage mit Sam“ kam aus seiner eigenen Erfahrung als Vater, denn sein Sohn ist Autist. Er arbeitet als Journalist und Redakteur für The Guardian, vor allem im Bereich Games und digitale Kultur. 

 

 

Der Junge aus dem Meer –  Garrett Carr

In einer kleinen Gemeinde an der Westküste Irlands wird 1973 ein Baby am Strand gefunden. Ambrose, der Fischer, und seine Frau Christine adoptieren den Jungen, der fortan den Namen Brendan Bonnar trägt. Alle sind fasziniert von diesem Kind, dessen Herkunft ein Rätsel ist, und Brendan, der für viele ein Rätsel bleibt, gibt dem vom Sturm der Zeitläufte gebeutelten Dorf die Hoffnung auf ein gutes Leben zurück. Zwanzig Jahre folgen wir dem Leben der Familie, das geprägt ist von Fürsorge und Schweigen, von der Rivalität der Brüder, von finanziellen Sorgen, aber auch dem Glück, von einer Gemeinschaft getragen zu werden.

Wir waren ein zäher Menschenschlag,
geformt vom Leben mit dem Atlantik.
Der Wind vom Atlantik hatte uns
so lange die Worte von den Lippen gerissen,
bis wir lernten, ohne sie auszukommen.

Der Junge aus dem Meer, Garrett Carr

 

Ein warmer, zutiefst berührender irischer Familienroman, der Mut macht und lange nachklingt. Mit leiser Kraft erzählt er davon, wie Menschlichkeit selbst dann bestehen bleibt, wenn das Leben hart wird. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der seinen eigenen Weg sucht, und eine Familie, getragen von einer Dorfgemeinschaft, die zusammenhält, wenn es darauf ankommt, und den Stürmen des Alltags nicht allein begegnet.

Garrett Carr wurde in Donegal geboren und lebt heute mit seiner Familie in Belfast. Er lehrt dort Kreatives Schreiben an der Queen′s University und schreibt regelmäßig für The Guardian und The Irish Times. Sein Buch The Rule of the Land: Walking Ireland’s Border war ein BBC Radio 4 Book of the Week. „Der Junge aus dem Meer“ ist sein Debütroman. Er ist für den Dublin Literary Award 2026 nominiert. 

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