Please Unfollow

  • Titel: Please Unfollow
  • Autor/in: Basma Hallak
  • Verlag: Arctis
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Genre: Young Adult
  • Tropes: Social Media | Sommercamp Vibes | Momfluencerkind
  • Seiten: 416

Please Unfollow – Basma Hallak

Manchmal liest man ein Buch und merkt schon nach den ersten Kapiteln, dass es einen nicht unberührt lassen wird. Please Unfollow war für mich genau so ein Buch. Nicht, weil es laut oder schockierend erzählt ist, sondern weil es still an Stellen trifft, an denen man normalerweise lieber nicht so genau hinschaut. Es geht um Kinder im Internet, um digitale Sichtbarkeit, um Konsum und um Verantwortung – und vor allem darum, was all das mit einem jungen Menschen macht, der nie gefragt wurde, ob er Teil dieser Öffentlichkeit sein möchte.

Je weiter man liest, desto deutlicher wird, wie nah diese Geschichte an unserer Gegenwart ist. Vieles fühlt sich nicht konstruiert oder überzogen an, sondern erschreckend plausibel. Sherrys Geschichte zwingt einen immer wieder dazu, die eigene Haltung zu hinterfragen: Was empfinden wir als normal? Was konsumieren wir täglich, ohne es zu hinterfragen? Und wo beginnt eigentlich unsere Mitverantwortung als Gesellschaft?

Besonders berührt hat mich, wie die Autorin Sherrys Innenleben beschreibt. Ihre Unsicherheit, ihre Angst vor Nähe, aber auch ihr Wunsch nach einem ganz normalen Leben wirken nicht wie literarische Mittel, sondern wie echte emotionale Reaktionen auf eine Kindheit, die nie geschützt war. Es geht nicht um einen einzelnen Vorfall, sondern um jahrelange Grenzüberschreitungen, die Spuren hinterlassen haben – Spuren, die sich nicht einfach abschütteln lassen. Gerade diese Langzeitfolgen machen den Roman so schwer, aber auch so wichtig.

Wieso haben meine Eltern mich nicht auch beschützt? Wieso dachte ich als Kind, sie tun das alles, weil sie mich lieben, nur um mich dann wieder und wieder dieser Welt auszuliefern. Wieso haben sie mich nicht abgeschirmt?1

Die Rolle der Eltern hat mich während des Lesens immer wieder wütend und traurig zugleich gemacht. Nicht, weil sie als Monster gezeichnet werden, sondern weil ihre Vorstellung von Liebe und Fürsorge so weit an dem vorbeigeht, was ein Kind eigentlich braucht. Der Roman stellt sehr leise, aber sehr deutlich die Frage, ob gute Absichten ausreichen, wenn die Konsequenzen für das Kind so gravierend sind. Diese Ambivalenz macht die Geschichte umso glaubwürdiger.

Im Verlauf des Buches verschiebt sich der Fokus zunehmend auf Sherrys Gegenwart und ihre Entwicklung. Diese Entwicklung ist nicht spektakulär, nicht glatt, nicht perfekt – und gerade deshalb so berührend. Kleine Schritte, vorsichtige Annäherungen, Rückschritte und Zweifel bestimmen ihren Weg. Es geht um das Erlernen von Vertrauen, um das Setzen eigener Grenzen und um den Versuch, eine Identität aufzubauen, die nicht von Außen definiert wird. Dass dieser Prozess Zeit braucht, nimmt sich der Roman ganz bewusst.

Erzählerisch unterstützt wird das durch Rückblenden und eingestreute Kommentarspalten, die einem beim Lesen mehr als einmal den Atem stocken lassen. Sie wirken erschreckend real und machen deutlich, wie entmenschlichend digitale Öffentlichkeit sein kann. Man erkennt Muster, Mechanismen und Dynamiken, die man aus der echten Welt kennt – und genau deshalb sind diese Passagen so schwer auszuhalten.

Ich renne und keiner kann mich sehen. Ich bin nicht ausgeleuchtet und drapiert. Ich renne und ich bin unsichtbar. Ich renne und wünschte, ich wäre schon immer unsichtbar gewesen, aber niemals transparent.2

Please Unfollow ist kein Buch, das man mit einem guten Gefühl beendet. Es lässt einen nachdenklich zurück, manchmal auch wütend, manchmal hilflos. Und genau das macht es so wertvoll. Es will nicht unterhalten, es will sensibilisieren. Es fordert dazu auf, hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen und das scheinbar Normale kritisch zu hinterfragen. Für mich ist dieses Buch nicht einfach ein gelungener Roman, sondern ein notwendiger. Einer, der Raum braucht, um nachzuwirken. Und einer, der zeigt, dass Sichtbarkeit kein Recht ist, das man über ein Kind hinweg beanspruchen darf.

1 Hallak, B. (2025). Please Unfollow (S. 201). Arctis Verlag.
2
Hallak, B. (2025). Please Unfollow (S. 350). Arctis Verlag.

 

 

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