Der Regenzaubermarkt – You Yeong-Gwang
Der Regenzaubermarkt ist eines dieser Bücher, bei denen man schon vor dem ersten Satz weiß: Das hier könnte etwas Besonderes sein. Die Gestaltung – vom Cover bis zum Innenteil – ist stimmig, liebevoll und genau auf die ruhige, beinahe märchenhafte Atmosphäre des Romans abgestimmt. Es ist ein Buch, das man gern in die Hand nimmt und das einen ästhetisch sofort abholt.
Inhaltlich handelt es sich um ein Jugend- bzw. Young-Adult-Buch, das mich nach langer Zeit wieder wirklich begeistern konnte. Der Roman ist ein koreanischer Bestseller, was sich nicht nur in seiner Bekanntheit, sondern auch deutlich im Schreibstil zeigt. Die Erzählweise unterscheidet sich spürbar von vielen deutschsprachigen Jugendromanen: Sie ist poetisch und zugleich philosophisch, stellenweise sehr beschreibend, dann wieder überraschend direkt. Gerade zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten, in diesen Fließtext und den ungewohnten Lesefluss hineinzufinden. Rückblickend waren diese Zweifel jedoch unbegründet – denn wer sich auf die Geschichte einlässt, wird tief hineingezogen.
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Warum soll es auf der Welt etwas geben, mit dem man nichts angefangen kann? Wenn man etwas gut kann, kann das irgendwann auch nützlich sein.1
Im Zentrum steht die Protagonistin Serin, die sich nach einem perfekten Leben sehnt: ohne Geldsorgen, ohne Mobbing, mit Freundschaft, Liebe und Sicherheit. Der Regenzaubermarkt verspricht genau das – doch je weiter man der Geschichte folgt, desto deutlicher wird, dass die Frage nach dem „perfekten Leben“ viel komplexer ist, als es zunächst scheint. Unterstützt wird diese Thematik durch die sogenannten Dokebi, Fabelwesen aus der koreanischen Mythologie, denen die Fähigkeit zugeschrieben wird, menschliche Eigenschaften zu beeinflussen oder zu stehlen. Sie fungieren weniger als klassische Fantasyfiguren, sondern vielmehr als Spiegel innerer Konflikte und moralischer Fragen.
Besonders eindrücklich ist, wie der Roman Reichtum neu definiert. Geld, Macht und Karriere verlieren zunehmend an Bedeutung, während zwischenmenschliche Nähe, Fürsorge und Verbundenheit in den Fokus rücken. Serin glaubt, von ihrer Familie ungeliebt zu sein – dabei übersieht sie, dass ihre Mutter Geld für ihr Studium zurücklegt oder ihre Schwester trotz Funkstille an sie denkt. Das Buch zeigt schmerzhaft ehrlich, wie leicht es ist, Liebe zu übersehen, wenn man sich innerlich bereits ausgeschlossen fühlt.
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Der Regenbogen ist schon etwas Wunderbares. Denn je heftiger der Regen ist, desto prächtiger leuchtet der Regenbogen. Er ist wunderschön und vielleicht ein Geschenk Gottes dafür, dass wir den unbarmherzigen Regen und Wind ertragen haben.2
Ein zentrales Symbol ist die Murmel, in der Serin all das sammelt, was sie an ihrem Leben ablehnt. Dass sie am Ende genau diese Murmel zurückerhält, verdeutlicht die Kernaussage des Romans: Es gibt kein perfektes Leben – nur ein perfekt unperfektes. Glück entsteht nicht durch das Auslöschen von Problemen, sondern durch Wahrnehmung, Beziehung und Akzeptanz.
Der Regenzaubermarkt ist eine Geschichte, die unter die Haut geht. Sie ist für jüngere Leser:innen zugänglich, regt aber auch Erwachsene dazu an, über grundlegende Fragen nachzudenken: Was macht mich wirklich glücklich? Was bedeutet Reichtum? Und wen habe ich vielleicht längst in meinem Leben, ohne es zu sehen?
1 Yeong-Gwang, Y. (2025). Der Regenzaubermarkt. (S. 38). Ueberrreuter Verlag.
2 Yeong-Gwang, Y. (2025). Der Regenzaubermarkt. (S. 175). Ueberrreuter Verlag.










