Der Bademeister ohne Himmel – Petra Pellini
Der Bademeister ohne Himmel ist eines dieser Bücher, die sich nicht aufdrängen. Kein grelles Cover, kein reißerischer Klappentext, keine Versprechungen. Und doch entfaltet sich hier eine Geschichte, die lange nachwirkt – nicht durch große Gesten, sondern durch leise Wahrheiten. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass man es hier nicht mit einem gewöhnlichen Roman zu tun hat. Es ist keine Geschichte, die sich schnell konsumieren lässt. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass sie sich nach und nach öffnet, wenn man bereit ist, ihr mit Geduld und offenem Herzen zu begegnen. Man liest nicht einfach – man lauscht, fühlt, erinnert.
Im Mittelpunkt stehen Themen, die viele lieber meiden würden: Suizid, Demenz, Verlust, Schuldgefühle. Doch sie werden nicht überzeichnet oder in Dramatik verpackt. Stattdessen begegnet ihnen der Text mit großer Sensibilität, mit Respekt und einer fast zärtlichen Zurückhaltung. Hier wird nicht belehrt oder bewertet – es wird einfach erzählt.
![]()
Von nichts zu wissen, ist eine angenehme Art, durchs Leben zu kommen.1
In aller Stille, und genau deshalb so eindringlich. Besonders berührend ist die Art, wie der Roman mit Abschied umgeht. Mit dem, was bleibt, wenn eine Lücke entsteht, die sich nicht mehr füllen lässt. Verlust erscheint hier nicht als plötzlicher Schock, sondern als eine langsame, schmerzhafte Verschiebung – als ein Prozess, der nicht in Worten endet, sondern im Schweigen. Genau dieses Schweigen weiß der Text einzufangen. Er benennt nicht alles, aber lässt alles fühlbar werden.
Ich habe beim Lesen immer wieder innegehalten. Nicht, weil der Text schwer zugänglich wäre, sondern weil er so viel Raum lässt – für eigene Gedanken, für Erinnerungen, für ein Nachspüren. Manche Sätze kamen fast beiläufig daher, und trafen mich dennoch mit einer ungeahnten Wucht. Es sind diese unscheinbaren Momente, die so viel Tiefe tragen, dass man sie nicht sofort fassen kann. Was Der Bademeister ohne Himmel auszeichnet, ist seine Menschlichkeit. Es geht nicht um große Antworten, sondern um das Aushalten von Fragen. Um das Dazwischensein. Um das Nicht-Wissen. Die Figuren sind dabei keine Held*innen, keine perfekten literarischen Konstrukte – sie wirken wie Menschen, denen man tatsächlich begegnen könnte.
![]()
Generell ist das Leben zu laut, da braucht man nicht dement sein. Geschrei. Gebell. Motoren. Ist es still, horcht man auf, weil es so ungewohnt ist.2
Es ist ein Buch, das still bleibt. Auch nachdem man es beendet hat. Es schreit nicht nach Aufmerksamkeit, aber es hinterlässt Spuren. Und vielleicht sind es genau diese Bücher, die am meisten verändern – nicht auf einen Schlag, sondern langsam, wie ein Gedanke, der sich erst nach und nach entfaltet. Ich wünsche diesem Roman mehr Sichtbarkeit, mehr Leser*innen, mehr Gespräche. Weil er zeigt, dass Literatur nicht laut sein muss, um zu berühren.
1 Pellini, P. (2024). Der Bademeister ohne Himmel. (S. 36). Rowohlt Kindler.
2 Pellini, P. (2024). Der Bademeister ohne Himmel. (S. 48). Rowohlt Kindler.
3 Pellini, P. (2024). Der Bademeister ohne Himmel. (S. 38). Rowohlt Kindler.
4 Pellini, P. (2024). Der Bademeister ohne Himmel. (S. 62). Rowohlt Kindler.








