Heir of Illusion – Madeline Taylor
Mit Heir of Illusion gelingt Madeline Taylor ein beeindruckender Auftakt, der nicht nur neugierig auf die Fortsetzung macht, sondern vor allem durch seine erzählerische Dichte und sein außergewöhnliches Worldbuilding überzeugt. Der Roman endet mit einem Knall – einem Finale, das Leser*innen mit offenen Fragen zurücklässt und lange nachhallt.
Besonders hervorzuheben ist die komplexe und detailreiche Welt, die Taylor erschafft. Das Zusammenspiel von Feen, Halbfeen, Menschen und Göttern, die klar herausgearbeiteten gesellschaftlichen Hierarchien sowie die politischen und magischen Machtstrukturen verleihen der Geschichte eine bemerkenswerte Tiefe. Das Setting wirkt dabei nicht konstruiert, sondern lebendig und in sich schlüssig – eine Welt, die auch jenseits der erzählten Handlung weiterzuexistieren scheint.
Im Zentrum der Geschichte steht Ivy, eine Protagonistin, die durch ihre Ambivalenz überzeugt. Sie ist stark und verletzlich zugleich, gefangen in einem Leben, das ihr durch einen magischen Halsring aufgezwungen wird. Ihr Ruf als gefährliche Figur steht dabei im deutlichen Kontrast zu ihrer inneren Menschlichkeit und ihrem ausgeprägten Schuld- und Verantwortungsbewusstsein. Besonders gelungen ist ihre Doppelrolle als „Engel der Gnade“, die Ivys inneren Konflikt zwischen Zwang, Macht und moralischem Anspruch eindrucksvoll widerspiegelt.
Auch die Figurenkonstellation um Ivy herum trägt maßgeblich zur Wirkung des Romans bei. Thorne bleibt lange rätselhaft und sorgt mit seiner Scharade sowie der spürbaren, aber nie überbetonten Anziehung zwischen ihm und Ivy für Spannung. Die romantische Ebene ist klar vorhanden, dominiert die Handlung jedoch nicht – stattdessen bleibt Ivys persönliche Entwicklung der emotionale Kern der Geschichte. Zudem erhalten auch die Nebenfiguren genügend Raum, um als eigenständige Charaktere wahrgenommen zu werden.
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Wäre es nicht schön, jemanden zu haben, der so auf mich aufpasst, wie ich auf andere? Jemanden, der mich in der Dunkelheit findet und mir Schutz bietet. Jemanden, auf den ich mich verlassen kann. An den ich glauben kann. Dem ich vertrauen kann. Das wäre schön.1
Narrativ führt der Roman konsequent auf ein zentrales Geheimnis hin, dessen Enthüllung die bisherige Handlung in ein neues Licht rückt. Dieser Moment wirkt weder vorhersehbar noch überzogen, sondern entfaltet seine Wirkung gerade durch die daraus entstehenden offenen Fragen. Der Cliffhanger ist mutig gesetzt und erfüllt genau das, was ein erster Band leisten sollte: Er steigert die Erwartung auf das Kommende erheblich. Der Schreibstil ist bildhaft, atmosphärisch und detailreich, ohne dabei an Dynamik zu verlieren. Leser*innen werden unmittelbar in das Geschehen hineingezogen, das Tempo bleibt ausgewogen, und die dichte Stimmung trägt durch den gesamten Roman.
Insgesamt ist Heir of Illusion ein starker Auftakt mit großem erzählerischem Potenzial. Die Geschichte überzeugt durch Weltentwurf, Figurenzeichnung und Spannung und lässt bewusst Raum für Weiterentwicklung in den Folgebänden. 4 von 5 Sternen – nicht aus Zurückhaltung, sondern aus der Erwartung heraus, dass die Fortsetzung das bereits hohe Niveau noch übertreffen könnte.
1 Taylor, M. (2025). Heir of Illusion (S. 339). DTV Verlag.
2 Taylor, M. (2025). Heir of Illusion (S. 71). DTV Verlag.










