Munk

  • Titel: Munk
  • Autor/in: Jan Weiler
  • Verlag: Heyne Verlag
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Genre: Romane & Erzählungen
  • Tropes: Selfcare | Second Chance
  • Seiten: 384

Munk – Jan Weiler

Nachdem ich Munk beendet hatte, saß ich erst einmal ein bisschen benommen da, weil dieses Buch eine Intensität hat, die einen wirklich trifft. Jan Weiler legt mit seinem Roman eine Form von Gegenwartsliteratur vor, die nicht mal eben weggelesen wird, sondern einen dazu bringt, sich selbst zu spiegeln: Wo stehe ich eigentlich im Leben? Was habe ich erreicht? Wer hat mich geprägt? Und vielleicht am wichtigsten – wer möchte ich sein?

Der Protagonist Peter Munk begleitet einen durch genau diese Fragen. Er ist Anfang 50, hat einen Herzinfarkt hinter sich und merkt plötzlich, wie einsam er eigentlich geworden ist. Zwischen gescheiterten Beziehungen, verpassten Entscheidungen und familiären Altlasten beginnt er, seine Vergangenheit aufzudröseln. Weiler zeigt eindrücklich, wie tief Menschen in uns wirken können – Eltern, Partner, Freundschaften, Begegnungen. Gerade die Beziehung zu Munks narzisstischem Vater und seiner schweigenden Mutter legt offen, wie stark Familienmuster uns prägen, auch wenn wir alles daransetzen, „nicht wie sie“ zu werden.

Mich hat das total abgeholt, weil man vieles davon auf sich selbst zurückwerfen kann. Diese Angst, Fehler weiterzutragen, die Frage nach dem eigenen Lebensentwurf, die Unsicherheit, ob man an den richtigen Stellen abgebogen ist. Munk navigiert durch Beziehungen, die gut, weniger gut oder einfach nur katastrophal liefen. Er ringt mit der Entscheidung, kein Vater geworden zu sein, und merkt erst spät, wie sehr ihn das beschäftigt. Dabei entfaltet das Buch immer wieder Momente, in denen klar wird, wie eng Liebe und Schmerz miteinander verknüpft sind.

Sie hatten noch vierzig Minuten zu fahren und die verbrachte Claudia damit, bei ihrem Munk wieder einmal ihren Kinderwunsch zu hinterlegen. Sie wollte drei. Er wollte keines.1

 

Weilers Sprache ist dabei schwerer, dichter – definitiv nichts für zwischendurch. Aber genau darin liegt die Kraft des Romans. Je weiter man liest, desto stärker wirkt dieser Sog, der einen zwingt, sich auf die Tiefe einzulassen. Zwischen traurigen Passagen, bitteren Einsichten und kleinen, stillen Humorblitzen entsteht ein ungewöhnlich ehrliches Bild eines Mannes, der sein Leben rückblickend betrachtet und feststellt, wie viel davon eigentlich unverarbeitet geblieben ist.

Das Ende hat mich überrascht. Besonders die Frau, die Munk für die Liebe seines Lebens hält, reagiert ganz anders, als man erwarten würde. Es ist hart, fast vor den Kopf stoßend – aber vielleicht auch ehrlich in ihrer eigenen Verletzung. Und der Epilog? Einfach herrlich. Ein epischer, leicht ironischer Seitenhieb darauf, dass dieselbe Frau ihn am Ende verklagen will, weil er sein Leben – und damit auch ihres – aufgeschrieben hat. Während alle anderen Frauen aus seinem Leben einfach nur mit dem Kopf schütteln. Da musste ich wirklich schmunzeln.

Munk ist ein tiefgründiger, kraftvoller Roman, der genau die Leser*innen erreicht, die gerade selbst an einem Punkt stehen, an dem man über die großen Fragen stolpert. Wer bin ich? Wohin will ich? Was hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin? Für mich ist es ein Buch, das nachhallt – schwer, wuchtig, aber auch wahnsinnig menschlich. Von mir gibt es 5 von 5 Sternen, weil es nicht nur eine gute Geschichte erzählt, sondern einen selbst dazu bringt, eigene Spuren und Brüche neu anzusehen.

1 Weiler, J. (2024). Munk (S. 188). Heyne Verlag.

 

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