Deathbringer – der Kuss der Schlange – Sonia Tagliareni
Knapp 500 Seiten voller Todesmagie, Geheimnisse und ziemlich vieler Momente, in denen ich dachte: Warte mal, was stimmt hier eigentlich nicht? Deathbringer hat mich von Anfang an in seine Welt gezogen und diesen Sog bis zur letzten Seite nicht verloren. Ich wollte verstehen, wie die Magie funktioniert, habe Theorien über Violas Vergangenheit aufgestellt, die falschen Personen verdächtigt und lag zwischendurch auch mal überraschend richtig. Vor allem aber hatte ich beim Lesen etwas, das mir bei Fantasy besonders wichtig ist: verdammt viel Spaß.
Viola besitzt eine Gabe, die sie selbst am liebsten niemals bekommen hätte. Nach dem Tod ihrer Großmutter hat ausgerechnet sie deren Mortemagie geerbt. Doch statt ihren Platz in der magischen Gesellschaft einzunehmen, lebt Viola jahrelang verborgen mit ihren Fähigkeiten. Ihre Schwester Olivia geht stattdessen an das Gorhail Institute of Magic, obwohl sie selbst keine Magie besitzt. Während Olivia sich dort sogar einen gewissen Rang erarbeitet, bleibt Viola zurück. Sie liest die Aufzeichnungen ihrer Großmutter und versucht gleichzeitig mit einer Mutter zurechtzukommen, die sie zwar weiterhin unter ihrem Dach leben lässt, ihr aber deutlich zeigt, wie wenig sie dort eigentlich erwünscht ist. Erst als Olivia ermordet wird, ändert sich alles. Viola will herausfinden, was ihrer Schwester passiert ist, und landet schließlich selbst an dem Ort, an dem Olivia ihre letzten Tage verbracht hat.
Am Gorhail Institute trifft sie auf Sylas, einen Giftmagier, der mindestens genauso viele Gründe hat, nach Antworten zu suchen. Auch sein Bruder wurde ermordet und gleichzeitig steht Sylas selbst unter Verdacht, etwas mit den Morden zu tun zu haben. Dass ausgerechnet eine unausgebildete Mortemagierin auftaucht, macht die Situation für ihn nicht gerade einfacher. Seine eigene Mutter wurde einst von einem Mortemagier getötet und sein Misstrauen gegenüber Viola sitzt entsprechend tief. Doch die Todesfälle am Institut führen die beiden immer weiter in eine Geschichte hinein, deren Ausmaße zu Beginn kaum zu erkennen sind. Magier sterben und ihre Relikte verschwindet mit ihnen. Für Viola wird die Suche nach Olivias Mörder dadurch immer mehr zu einer Suche nach der Wahrheit über die Welt, in der sie lebt – und irgendwann auch nach der Wahrheit über sich selbst.
![]()
Die Sterne bluten Diamanten in den Himmel. Wünschen uns die Götter Glück oder besiegeln sie damit unser Schicksal?1
Genau darin liegt für mich eine der größten Stärken von Deathbringer. Die Geschichte legt ihre Geheimnisse nicht einfach offen, sondern lässt sie langsam sichtbar werden. Ein Hinweis hier, eine Ungereimtheit dort und plötzlich bekommt etwas Bedeutung, das hundert Seiten zuvor noch vollkommen unscheinbar wirkte. Mit jeder Antwort fügt sich ein weiteres Puzzleteil ein, nur um gleichzeitig sichtbar zu machen, wie viel vom Gesamtbild noch fehlt. Ich habe unglaublich gerne mitgerätselt und Theorien aufgestellt. Einige davon haben sich bestätigt, andere hat mir das Buch ziemlich genüsslich wieder um die Ohren gehauen. Trotzdem hatte ich bei den späteren Enthüllungen nie das Gefühl, dass plötzlich irgendeine Erklärung aus dem Nichts gezogen wird. Vieles war längst da. Ich hatte es nur noch nicht richtig zusammengesetzt.
Gerade Viola profitiert enorm davon. Sie beginnt ihre Geschichte nicht als mächtige Magierin, die ihre Fähigkeiten beherrscht und genau weiß, welchen Platz sie einnehmen möchte. Sie hat sich jahrelang versteckt. Ihre eigene Magie ist ihr fremd und teilweise sogar verhasst. Gleichzeitig merkt sie immer stärker, dass vieles von dem, was sie über ihre Familie und besonders ihre Großmutter zu wissen glaubte, nur einen Ausschnitt der Wahrheit zeigt. Ich mochte diese Entwicklung unglaublich gerne, weil Viola nicht innerhalb weniger Kapitel zu einer völlig anderen Person wird. Je mehr sie lernt, desto mehr muss sie sich auch mit sich selbst auseinandersetzen. Ihre Magie wird dadurch nicht einfach nur zu einem coolen Fantasyelement, sondern gehört unmittelbar zu ihrer Identität.
Und dann ist da Sylas. Kein strahlender Good Boy, aber eben auch nicht der nächste düstere Bad Boy, dessen Persönlichkeit hauptsächlich daraus besteht, gefährlich auszusehen und möglichst kryptische Sätze von sich zu geben. Sylas kann misstrauisch und anstrengend sein, gleichzeitig versteht man immer besser, woher dieses Verhalten kommt. Besonders seine Dynamik mit Viola hat für mich deshalb funktioniert. Zwischen den beiden knistert es früh, Vertrauen gibt es deswegen aber noch lange nicht. Und danke dafür! Enemies to Lovers darf hier tatsächlich eine Weile Enemies to Lovers bleiben. Die Geschichte nimmt sich Zeit für Annäherung und Rückschritte, ohne die beiden nach der Hälfte plötzlich in eine vollkommen harmonische Beziehung zu stecken. Gleichzeitig drängt sich die Romance nie vor die Fantasyhandlung. Sie wächst innerhalb der Geschichte mit und genau dort gehört sie für mich auch hin. Lediglich gegen Ende ging mir eine Entwicklung etwas zu schnell. Auch Sylas‘ Liebesbekundungen häuften sich auf wenigen Seiten für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr. Gestört hat es mich nicht wirklich, aufgefallen ist es mir aber trotzdem.
![]()
Unbegründete Hoffnung erstickt einen, wenn die Wirklichkeit erst einmal die Fäden der Wahrheit in den Händen hält.2
Sonja Tagliarenis Schreibstil hat einen großen Anteil daran, dass ich so schnell in dieser Welt verschwunden bin. Das Gorhail Institute bekommt Atmosphäre, ohne dass jede Ecke bis ins kleinste Detail beschrieben werden muss. Das Magiesystem wird verständlich, ohne sich wie eine Bedienungsanleitung zu lesen. Vor allem findet die Geschichte für mich eine richtig gute Balance im Tempo. Nach actionreichen Momenten darf es wieder ruhiger werden, Gespräche bekommen ihren Raum und Figuren dürfen sich entwickeln. Trotzdem steht die Handlung nie wirklich still. Irgendetwas brodelt immer unter der Oberfläche. Dadurch bin ich durch die Seiten geflogen und hatte gleichzeitig nie das Gefühl, durch die Geschichte gehetzt zu werden.
Vor dem letzten Drittel hatte ich dann tatsächlich ein kleines Problem: Es waren noch so verdammt viele Fragen offen. Wie soll dieses Buch das bitte alles noch zusammenbringen, ohne am Ende einfach die Hälfte unbeantwortet stehen zu lassen? Die Sorge war unbegründet. Deathbringer beantwortet genug, damit sich dieser erste Band vollständig anfühlt, räumt aber längst nicht jedes Geheimnis aus dem Weg. Stattdessen verändert sich mit manchen Antworten sogar die Perspektive auf das, was vorher passiert ist. Und gerade als ich dachte, jetzt könnte ich mich langsam von dieser Geschichte verabschieden, kamen die letzten Seiten. Sagen wir einfach: Sonja Tagliareni wusste sehr genau, was sie da tat.
Nach knapp 500 Seiten war meine Begeisterung nicht kleiner als nach den ersten Kapiteln. Eher im Gegenteil. Ich wollte immer tiefer in dieses Magiesystem eintauchen, Violas Vergangenheit verstehen und herausfinden, wem man eigentlich noch trauen kann. Deathbringer hat mich rätseln lassen, überrascht und vor allem durchgehend unterhalten. Selbst die ruhigeren Passagen haben für mich ihren Platz gefunden, weil diese Welt dadurch nicht nur aus dem nächsten großen Plot Twist besteht. Und mindestens eine Figur hat es geschafft, dass ich sie mit wachsender Begeisterung gehasst habe. Eigentlich wollte ich nach dem Ende nur kurz darüber nachdenken, was da gerade alles passiert ist. Stattdessen hatte ich sofort wieder neue Theorien im Kopf. Mit Deathbringer gelang Sonia Tagliareni damit ein verdienter, internationaler Erfolg: Der Dark-Academia-Roman erreichte Platz 2 der britischen Sunday-Times-Bestsellerliste.
1 Tagliareni, S. (2026). Deathbringer. Der Kuss der Schlange. (S. 279). Heyne.
2 Tagliareni, S. (2026). Deathbringer. Der Kuss der Schlange. (S. 208). Heyne.

Bildnachweise: Die verwendeten Fotografien stammen von Unsplash.
Das Urheberrecht verbleibt bei den genannten Fotografinnen und Fotografen.
Foto: Marko Blažević | Unsplah
Foto: Cant | Unsplash
Foto: Natalie Y. | Unsplash
Foto: Stormseeker | Unsplash
Foto: Enrico Bet | Unsplash
Foto: Lance Reis | Unsplash










