Lauter als das Meeresrauschen – Nina Voss
Eineinhalb Jahre sind vergangen. Für Emmi fühlt sich der Unfall trotzdem nicht wie Vergangenheit an. Die Erinnerungen verfolgen sie weiterhin und bestimmen ihren Alltag durch Panikattacken, Angst und das Bedürfnis, jederzeit die Kontrolle zu behalten. Während der Semesterferien reist sie allein nach Neuseeland und besucht dort eine befreundete Familie, die ein Unternehmen für Whalewatching führt. Für die Meeresbiologie-Studentin scheint dieser Aufenthalt die perfekte Ablenkung zu sein, obwohl die Entfernung zu ihren Schwestern einen großen Schritt bedeutet. Auf der anderen Seite der Welt begegnet sie Valentin, dem Sohn des Firmeninhabers. Er erkennt schneller als andere, was sich hinter Emmis beherrschter Fassade verbirgt, bleibt in entscheidenden Augenblicken jedoch rätselhaft distanziert.
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Ich war mir sicher: Neuseeland würde das Ende meiner Vergangenheut sein – und der Anfang meines neuen Lebens.1
Beim Lesen fühlte sich Lauter als das Meeresrauschen wie ein tiefer Atemzug nach viel zu langer Zeit unter Wasser an. Die Geschichte ist still, beinahe zerbrechlich und zugleich voller Gefühle, die unerwartet treffen. Neuseeland wird für Emmi nicht einfach zur Kulisse eines sorgenfreien Neuanfangs. Vielmehr entsteht dort ein Ort, an dem sie ihrer Vergangenheit nicht länger vollständig ausweichen kann. Nina Voss erzählt ihre inneren Kämpfe unglaublich greifbar, ohne sie künstlich zu dramatisieren. Panikattacken, Scham und das fremde Gefühl im eigenen Körper erhalten den nötigen Raum. Emmi darf anecken, zweifeln und sich selbst im Weg stehen. Gerade diese Unvollkommenheit macht sie so nahbar.
Valentin entspricht ebenfalls nicht dem typischen Bild eines Love Interests. Er versucht weder, Emmi zu retten, noch behauptet er, alle Antworten zu kennen. Stattdessen hört er zu, erkennt ihre Grenzen und gibt ihr Zeit. Ihre Verbindung wächst aus Blicken, vorsichtigen Gesprächen und einem Verständnis, das nicht ständig ausgesprochen werden muss. Diese langsame Entwicklung hat für mich hervorragend funktioniert, weil sie auch Unsicherheiten und Rückschritte zulässt. Valentins distanziertes Verhalten wirft zugleich Fragen auf und verhindert, dass sich ihre Annäherung zu leicht oder vorhersehbar anfühlt.
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Bevor ich wusste, was ich tat, spürte ich die glatte Haut des Wals an meiner Hand und ein Schauer jagte über meinen Rücken. Für dieses Tier waren wir alle eigenartige Wesen aus einer anderen Welt.2
Getragen wird der Roman vor allem von seiner besonderen Atmosphäre. Das Meer, die Weite Neuseelands und die Begegnungen mit den Pottwalen bilden einen ruhigen Gegenpol zu Emmis innerem Chaos. Die Natur schenkt ihr keinen schnellen Ausweg, aber einen Ort ohne Erwartungen und ständigen Druck. Der fließende und emotional dichte Schreibstil verstärkt diese Wirkung, ohne je überladen zu erscheinen. Auch der verantwortungsvolle Umgang mit Meerestieren wird so selbstverständlich eingebunden, dass das Thema nachhallt, ohne die persönliche Geschichte zu verdrängen. Lauter als das Meeresrauschen lebt nicht von großen Wendungen oder dramatischen Eskalationen. Der Roman entfaltet seine Wirkung durch Atmosphäre, Gefühle und Figuren, die sich keiner einfachen Einordnung fügen. Wer sich auf diese ruhige Reise einlässt, erhält eine Geschichte, die Stück für Stück berührt und noch lange im Gedächtnis bleibt.
1 Voss, N. (2024). Lauter als das Meeresrauschen (S. 9). Magellan.
2 Voss, N. (2024). Lauter als das Meeresrauschen (S. 49). Magellan.









