Genreübergreifende Geschichten, die uns neugierig gemacht haben
Beim Stöbern durch Neuerscheinungen, Vorschauen oder Buchhandlungen gibt es immer diese Titel, bei denen man kurz innehält. Man liest den Klappentext, legt das Buch vielleicht wieder zurück – und merkt später, dass es einem nicht aus dem Kopf geht. Nicht, weil man es schon gelesen hat, sondern weil etwas daran hängen geblieben ist. Genau solche Bücher haben wir hier gesammelt.
Es sind nicht immer die Bücher, die man sofort liest, sondern die, an die man immer wieder denkt.
Fogandbooks

The Fox and the Devil – Kiersten White
The Fox and the Devil ist ein düsterer Fantasyroman mit starken Gothic-Elementen, der im Europa des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Im Zentrum steht Anneke Van Helsing, die Tochter des berühmten Vampirjägers, die nach dem Tod ihres Vaters dessen Spuren folgt – und dabei in ein Netz aus rätselhaften Mordfällen, übernatürlichen Hinweisen und moralischen Grauzonen gerät. Eine zentrale Rolle spielt dabei die geheimnisvolle Diavola, die Anneke zugleich verfolgt und fasziniert. Zwischen beiden entwickelt sich eine gefährliche Dynamik, die weniger auf klaren Gegensätzen beruht als auf Anziehung, Macht und Ambivalenz.
Was an dieser Geschichte sofort hängen bleibt, ist die Mischung aus klassischer Gothic-Atmosphäre, Mystery und emotionaler Spannung. Der Roman scheint weniger auf reinen Horror zu setzen als auf Stimmung, psychologische Tiefe und eine Beziehung, die sich nicht eindeutig einordnen lässt. Gerade diese Unklarheit – wer hier Jägerin ist, wer Beute, wer Heldin und wer Monster – verleiht dem Stoff eine besondere Intensität. The Fox and the Devil wirkt damit wie ein Buch, das nicht nur unterhalten, sondern auch irritieren und herausfordern will.
Wenn Gut und Böse keine festen Grenzen haben,
beginnt die eigentlich spannende Geschichte.
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Kiersten White ist eine international erfolgreiche Fantasy-Autorin und bekannt für ihre genreübergreifenden, oft düsteren Stoffe. In ihren Romanen verbindet sie historische Settings mit fantastischen Elementen und legt dabei einen starken Fokus auf komplexe Figuren, insbesondere weibliche Perspektiven. Leser*innen können von ihr atmosphärisch dichte Welten, moralische Ambivalenz und emotionale Tiefe erwarten – Eigenschaften, die auch The Fox and the Devil bereits im Ansatz erkennen lässt.
Holly – Maisku Myllymäki
Holly ist der vielfach gelobte Debütroman der finnischen Autorin Maisku Myllymäki, der nun auch auf Deutsch erscheint und uns mit seiner stillen Intensität im Gedächtnis bleiben kann. Erzählt wird die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Frauen, die auf einer abgelegenen Insel aufeinandertreffen: Eva, eine ruhige Journalistin auf der Suche nach einer seltenen Vogelart, und Holly, eine ehemalige Schauspielerin, die allein dort lebt. Während Eva zunächst nur ein paar Tage bleiben will, entwickelt sich ihr Aufenthalt zu einer tiefen Auseinandersetzung mit Fragen von Aufmerksamkeit, Scham, Selbstbewusstsein und der wachsenden Faszination füreinander – nicht nur über den seltenen Vogel hinaus.
Was dieses Buch besonders macht, ist sein feinsinniger Blick auf zwischenmenschliche Dynamiken und innere Veränderungen. Die Begegnung zwischen Eva und Holly ist extrovertiert, laut, selbstbewusst versus zurückhaltend, reflektiert, still und wird zur treibenden Kraft des Romans. Die Atmosphäre der Insel, in der Einsamkeit keineswegs lautlos ist, und der psychologische Tiefgang in der Beschreibung der Figuren geben dem Text eine hypnotische Qualität, die bis weit über das Ende hinaus nachhallen kann.
Manchmal reicht eine Begegnung,
um etwas in Bewegung zu setzen,
das man lange für stabil gehalten hat.
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Maisku Myllymäki stammt aus Finnland und hat mit Holly ein Debüt vorgelegt, das nicht nur in ihrer Heimat für Aufmerksamkeit sorgte: Der Roman stand 2021 auf der Shortlist für den Helsingin Sanomat-Preis für das beste Debüt des Jahres. Sie arbeitet und lebt in Helsinki und bringt in ihre Literatur oft eine genaue, psychologisch aufmerksame Perspektive ein, die sowohl charmant als auch herausfordernd sein kann.


Behind Five Willows – June Hur
Behind Five Willows ist ein historischer YA-Roman, der im Joseon-Korea des späten 18. Jahrhunderts spielt und im Mai 2026 erscheint. Erzählt wird die Geschichte von Shin Haewon, der zweiten Tochter einer eher ärmlichen Familie, die ihre Zeit damit verbringt, verbotene Bücher heimlich abzuschreiben – ein gefährliches Unterfangen in einer Zeit rigoroser Zensur und Buchverbote, in der Lesen und Schreiben von Fiktion als staatsfeindlich gilt. Durch diese Arbeit kommt sie in Kontakt mit den anonymen Briefen und Texten der mysteriösen Autorfigur Black Lotus. Gleichzeitig begleitet sie ihre ältere Schwester bei einer gesellschaftlich wichtigen Verabredung und trifft dort auf Yu Seojun, den scheinbar steifen Sohn eines Aristokraten, der heimlich selbst Geschichten schreibt und seine Identität verbirgt. Allmählich merken beide, dass sie einander schneller nähergekommen sind, als sie es sich eingestehen wollten.
Wenn Worte verboten sind,
wird Lesen zur kleinsten Form von Rebellion
und zur tiefsten Form von Verbindung.
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Was Behind Five Willows besonders macht, ist die Verwebung von historischer Realität, sozialer Hierarchie und zarter, sich entfaltender Romantik. Der Roman dient als bewusste Hommage an Pride and Prejudice, ohne die Erzählung einfach zu kopieren, und ergänzt diese mit einem Setting, in dem Literatur selbst eine Form von Widerstand und Identität darstellt. Die Zensur von Büchern, die Risiken der Illegalität und die wachsende Verbindung zwischen Leser und Autor verleihen der Story eine Mischung aus politischem Kontext, kultureller Tiefe und emotionaler Spannung.
June Hur ist eine koreanisch-kanadische Autorin, die vor allem für ihre historischen Jugendromane bekannt ist. Sie studierte Geschichte und Literatur und lebt in Toronto. Hur hat bereits mehrere erfolgreiche Bücher veröffentlicht, darunter The Silence of Bones, The Forest of Stolen Girls, The Red Palace und A Crane Among Wolves. Ihre Werke wurden mehrfach für bedeutende Preise nominiert und ausgezeichnet, darunter der Edgar Allan Poe Award. Mit Behind Five Willows setzt sie ihre Tradition fort, reich recherchierte historische Settings mit emotionalen, oft romantischen Erzählsträngen zu verbinden.
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 – Susanne Abel
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 ist ein bewegender Familienroman von Susanne Abel, der im August 2025 erschienen ist und uns mit seiner erzählerischen Kraft lange im Kopf bleiben kann. Im Zentrum der Geschichte steht Hardy, ein kleiner Junge, der am Ende des Zweiten Weltkriegs allein und ohne Identität auf deutschen Straßen aufgegriffen wird. Niemand weiß, woher er kommt oder wie alt er ist. Er wird in ein katholisches Kinderheim gebracht, wo Ordnung, Zucht und harte Regeln Alltag sind. Dort begegnet er Margret, einer etwas älteren Kriegswaise, die sich um ihn kümmert und ihm Halt gibt – und die ihm rät: „Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104.“ Aus dieser Verbindung wächst eine tiefe, lebenslange Beziehung, die Hardy und Margret durch ein schwieriges Leben begleitet.
Er gibt ihr keine Antwort. Kann nicht reden.
Und will diese Trauer, die er sein ganzes Leben
in sich verborgen hat, zerdrücken
wie die Kippe unter seinem Schuh.
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104, Susanne Abel, S. 117
Abel erzählt diese Geschichte in wechselnden Zeitebenen – vom Nachkriegsheim über den Aufbau eines eigenen Lebens bis hin zum Einfluss ihrer Vergangenheit auf spätere Generationen, etwa auf ihre Urenkelin Emily. Durch diesen erzählerischen Bogen zeigt der Roman nicht nur die unmittelbaren Folgen von Krieg, Verlust und Heimerziehung, sondern auch, wie unerledigte Traumata über Jahrzehnte hinweg Spuren hinterlassen.
Susanne Abel ist eine deutsche Autorin, die sich bereits mit Romanen wie Stay away from Gretchen einen Namen gemacht hat. Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 knüpft an ihren Ruf als einfühlsame und eindringliche Erzählerin an, die große Themen wie Schicksal, Liebe und die Verarbeitung von Vergangenheit in persönliche Geschichten übersetzt.


– K. M. Moronova
Leave Me Behind ist eines dieser Bücher, an denen man aktuell kaum vorbeikommt. Nicht, weil es leise wäre oder sich zurücknimmt, sondern weil es sehr bewusst Grenzen auslotet. Der Roman ist im Bereich der Dark Military Romance angesiedelt und verbindet ein militärisches Setting mit einer Beziehungskonstellation, die von Macht, Abhängigkeit und emotionaler Schwere geprägt ist. Es geht um Figuren, die nicht heil sind, um Situationen, die nicht sicher wirken, und um Nähe, die eher aus Druck als aus Geborgenheit entsteht.
Was dieses Buch so präsent macht, ist weniger eine einzelne Handlung als die Wirkung, die es entfaltet. Leave Me Behind ist kein Titel, den man einfach wegliest. Er bleibt hängen, weil er polarisiert, weil er Unbehagen auslöst und weil er Themen berührt, die man nicht leicht verarbeitet. Gerade das militärische Umfeld verstärkt diesen Eindruck, da Hierarchien, Kontrolle und psychische Belastung eine zentrale Rolle spielen. Nähe entsteht hier nicht als romantisches Versprechen, sondern als Spannungsfeld, das bewusst irritiert. Genau darin liegt vermutlich auch der Grund, warum dieses Buch so stark diskutiert wird und warum es für viele Leserinnen und Leser im Kopf bleibt, selbst wenn sie es kritisch sehen.
“Promise me forever, Bun.
You’re where my sanity starts.”
I can hear the smile in his voice.
“You are where mine ends.”.
K. M. Moronova ist eine US-amerikanische Autorin, die vor allem für Dark Romance bekannt ist. Ihre Bücher setzen häufig auf emotionale Extreme und Figuren, die sich nicht klar einordnen lassen. Mit Leave Me Behind hat sie einen Titel veröffentlicht, der weit über die Genregrenzen hinaus Aufmerksamkeit bekommen hat und der zeigt, wie stark Dark Romance aktuell diskutiert und gelesen wird.
Judith und Hamnet – Maggie O’Farrel
Judith und Hamnet von Maggie O’Farrell ist ein historischer Roman, der sich an eine Lücke der Literaturgeschichte herantraut und sie mit Gefühl füllt. Erzählt wird nicht die große Shakespeare-Story, sondern das Familienleben in Stratford. Agnes, die spätere Ehefrau des Dramatikers, steht im Zentrum, ebenso die Zwillinge Judith und Hamnet. Während der Vater in London arbeitet, bricht zu Hause eine Krankheit aus, als Hamnet die Beulen am Hals seiner Schwester ertastet und Agnes begreift, was das bedeuten könnte. Der Roman verfolgt nicht nur diesen Verlust, sondern auch, wie Liebe, Alltag und Nähe vor der Katastrophe ausgesehen haben und wie Trauer danach alles verändert.
Warum dieses Buch so fesselt, ist für mich die Perspektive, dass O’Farrell nicht über den „großen Mann“ erzählt, sondern über das, was sonst wegfällt, wenn Geschichte geschrieben wird. Über Mutterschaft, Ehe, die Körperlichkeit von Angst, das Unaussprechliche, das in einer Familie bleibt, wenn ein Kind stirbt. Dazu kommt die Zeit, in der der Roman spielt. Ende des 16. Jahrhunderts ist die Pest real, die medizinische Ungewissheit auch, und genau das macht die Geschichte so greifbar.
Jedes Leben hat seinen Kern,
seinen Mittelpunkt,
sein Epizentrum,
von dem aus alles ausgeht
und zu dem alles zurückkehrt.
Hamnet, Maggie O’Farrel
Von Judith und Hamnet kann man also keine klassische „Historienhandlung“ erwarten, sondern ein atmosphärisch dichtes, sehr emotionales Buch, das eher nach innen geht. Wenn man solche Romane mag, die nah an ihren Figuren bleiben und einen langsam, aber konsequent hineinziehen, dann hat dieser Titel dieses spezielle Potenzial, sich festzusetzen. Außerdem ist er nicht ohne Grund so sichtbar geblieben. Der Roman wurde 2020 mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet.
Maggie O’Farrell ist eine irisch-britische Autorin, die für ihre sehr atmosphärische, präzise Erzählweise bekannt ist. Ihre Romane und ihr Memoir waren Sunday-Times-Bestseller, und Hamnet wurde zu einem ihrer international größten Erfolge. Auf ihrer offiziellen Seite wird genau diese Bandbreite ihrer Themen betont, von Liebe und Verlust bis hin zu psychischer Ausnahmezustandserfahrung. Die Verfilmung „Hamnet“ erschien am 22. Januar 2026 in den deutschen Kinos und ist bisher mit einer guten Filmkritik bewertet worden.

Diese Bücher verbindet kein gemeinsames Genre und keine einheitliche Tonlage. Was sie verbindet, ist eher ein Gefühl. Sie sind uns begegnet, haben kurz innehalten lassen und sind geblieben, obwohl wir sie nicht sofort gelesen haben. Vielleicht gerade deshalb. Es sind Geschichten, die Fragen aufwerfen, Stimmungen setzen oder Themen berühren, die man nicht einfach abschüttelt. Und genau darin liegt ihr Reiz. Nicht jedes Buch muss sofort gelesen werden, um Wirkung zu entfalten. Manche reichen schon aus, um sich festzusetzen und genau diese Fundstücke wollten wir hier sammeln.


