Eine literarische Reise durch Irland

Eine literarische Reise durch Irland

Irland ist ein Land, dessen Geschichten tief in seiner Landschaft verwurzelt sind. In den windoffenen Küsten Donegals, den stillen Dörfern des Westens und den Straßen Dublins liegen Erinnerungen, die über Generationen weitergetragen wurden. Manche erzählen von Hunger und Landverlust, andere von Familien, die an ihrem Schweigen festhalten, von Frauen, die gegen die Grenzen ihrer Zeit leben, und von Menschen, die fortgehen, zurückkehren oder niemals wirklich ankommen.

Diese literarische Reise beginnt in einer kleinen Stadt außerhalb von Belfast, führt weiter nach County Donegal und folgt anschließend der Atlantikküste in den Süden. Sie erreicht eine namenlose Insel, das fiktive Dorf Faha in County Clare, eine Kleinstadt im irischen Binnenland und schließlich Dublin. Von dort geht es weiter nach County Wexford, nach Enniscorthy und New Ross.

Nicht jeder Ort auf dieser Reise lässt sich auf einer Landkarte eindeutig finden. Einige Dörfer, Täler und Inseln wurden von ihren Autoren erfunden. Dennoch tragen sie unverkennbar die Landschaft, Geschichte und Sprache Irlands in sich. Gerade darin liegt ihre besondere Wahrheit. Sie stehen für Orte, die es vielleicht nicht unter diesem Namen gibt, deren Geschichten aber überall im Land hätten geschehen können. Elf Bücher begleiten diese Reise. Ausgezeichnete Romane, moderne Familiengeschichten und Werke, die längst zur irischen Literaturgeschichte gehören. Gemeinsam erzählen sie von einem Irland zwischen katholischer Macht und gesellschaftlichem Wandel, zwischen Großer Hungersnot und wirtschaftlichem Aufbruch, zwischen Herkunft, Erinnerung und der immer wiederkehrenden Frage, was Heimat eigentlich bedeutet.

 

Die Landschaft ruft uns in die Stille zurück, dorthin, wo wir die Zeit wirklich empfangen können.1

John O’Donohue, Philosoph, Theologe (1956 – 2008)  

Übertretung Louise Kennedy

Die Reise beginnt in Nordirland im Jahr 1975. Die junge Katholikin Cushla Lavery lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter in einer überwiegend protestantischen Vorstadt von Belfast. Sie unterrichtet an einer Grundschule und hilft im Pub ihrer Familie aus, während täglich neue Anschläge, Verletzte und Tote gemeldet werden. Dort begegnet sie dem deutlich älteren Michael Agnew, einem wohlhabenden protestantischen Prozessanwalt, der verheiratet ist und auch katholische Angeklagte verteidigt. Zwischen beiden beginnt eine leidenschaftliche Affäre, die in einer von Religion, Herkunft und Misstrauen bestimmten Gesellschaft lebensgefährlich werden kann. Gleichzeitig setzt sich Cushla für ihren Schüler Davy ein, dessen Familie ausgegrenzt und dessen Vater beinahe totgeschlagen wird.

Louise Kennedy verbindet eine verbotene Liebesgeschichte mit dem Alltag während des Nordirlandkonflikts. Der Roman zeigt, wie die politische Gewalt bis in Familien, Schulen, Arbeitsplätze und persönliche Beziehungen vordringt und selbst Mitgefühl zu einem Risiko werden kann. Übertretung gehört an den Anfang dieser literarischen Reise, weil das Buch nach Belfast und mitten in eines der schmerzhaftesten Kapitel der jüngeren irischen Geschichte führt. Es erzählt von einer geteilten Gesellschaft und von Menschen, die dennoch versuchen, an Liebe, Verantwortung und Menschlichkeit festzuhalten.

 

Es war so viel leichter, nichts zu sagen, als zu vergessen. Daran erinnerte Cushla sich.

Übertretung, Louise Kennedy

 

Louise Kennedy wuchs in Holywood im County Down auf, nur wenige Kilometer von Belfast entfernt. Bevor sie sich dem Schreiben widmete, arbeitete sie fast dreißig Jahre als Köchin. Ihre Kurzgeschichtensammlung The End of the World Is a Cul de Sac wurde mit dem John McGahern Prize ausgezeichnet. Übertretung ist ihr Debütroman und wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Der Roman gewann 2022 den Eason Novel of the Year Award bei den An Post Irish Book Awards sowie 2023 den British Book Award in der Kategorie Debütroman und den McKitterick Prize. Außerdem stand er 2023 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Louise Kennedy lebt heute in Sligo.

 

 

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Coast Road – Alan Murrin

Von Belfast führt der Weg westwärts durch Nordirland und über die Grenze in die Republik Irland. Im County Donegal erreichen wir die raue Atlantikküste und das fiktive Städtchen Ardglas. Im Herbst 1994 kehrt die Dichterin Colette Crowley in das fiktive Küstenstädtchen Ardglas im County Donegal zurück. Sie hatte ihren Mann und ihre Kinder verlassen, um mit einem anderen Mann in Dublin ein neues Leben zu beginnen. Nun wohnt sie allein in einem kleinen Cottage an der Coast Road und wird von der Dorfgemeinschaft mit Misstrauen beobachtet. Ihr Ehemann Shaun verweigert ihr den Kontakt zu den gemeinsamen Kindern. In ihrer Verzweiflung bittet Colette Izzy Keaveney um Hilfe. Izzy ist Hausfrau, Mutter und selbst unglücklich verheiratet. Ausgerechnet ihr Mann James, ein Lokalpolitiker, setzt sich öffentlich für die Einführung der Scheidung ein, während seine eigene Ehe immer enger und bedrückender wird.

Aus der vorsichtigen Annäherung zwischen Colette und Izzy entsteht eine Verbindung, die das Leben beider Frauen verändert. Der Roman führt in ein Irland, in dem eine Ehe beendet, aber nicht geschieden werden konnte und Frauen beim Verlassen ihrer Männer gesellschaftliche Ächtung, finanzielle Abhängigkeit und den Verlust ihrer Kinder riskieren mussten. Erst 1995 stimmte die irische Bevölkerung mit äußerst knapper Mehrheit für die Aufhebung des Scheidungsverbots.

 

Akzeptanz war nicht dasselbe wie Resignation.

Coast Road, Alan Murrin

 

Coast Road gehört auf diese literarische Reise, weil der Roman in das County Donegal des Jahres 1994 führt und eine Gesellschaft unmittelbar vor einem historischen Wandel zeigt. Es wird sichtbar, wie das Verbot der Scheidung, katholische Moral und die Angst vor dem Urteil einer kleinen Gemeinschaft das Leben von Frauen bestimmten. Damit erzählt das Buch nicht nur von einem irischen Küstenort, sondern von einem Land, das begann, seine bisherigen Vorstellungen von Ehe, Familie und weiblicher Selbstbestimmung zu hinterfragen.

Alan Murrin stammt aus Killybegs im County Donegal und lebt heute in Berlin. Er studierte Englische Literatur am Trinity College Dublin und absolvierte einen Master in Prosa an der University of East Anglia. Seine Texte erschienen unter anderem in The Irish Times, The Times Literary Supplement und The Spectator. Für seine Kurzgeschichte The Wake erhielt er 2021 den Bournemouth Writing Prize. Coast Road ist sein Debütroman und wurde bei den An Post Irish Book Awards 2024 als Newcomer of the Year ausgezeichnet.

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Der Junge aus dem Meer Garrett Carr

Auf unserer literarischen Karte führt der Weg von Ardglas weiter nach Norden, entlang der Küste Donegals bis nach Killybegs. In diesem wirklichen Fischerort am Atlantik beginnt Garrett Carrs Geschichte.
In einer kleinen Gemeinde an der Westküste Irlands wird 1973 ein Baby am Strand gefunden. Ambrose, der Fischer, und seine Frau Christine adoptieren den Jungen, der fortan den Namen Brendan Bonnar trägt. Alle sind fasziniert von diesem Kind, dessen Herkunft ein Rätsel ist, und Brendan, der für viele ein Rätsel bleibt, gibt dem vom Sturm der Zeitläufte gebeutelten Dorf die Hoffnung auf ein gutes Leben zurück. Zwanzig Jahre folgen wir dem Leben der Familie, das geprägt ist von Fürsorge und Schweigen, von der Rivalität der Brüder, von finanziellen Sorgen, aber auch dem Glück, von einer Gemeinschaft getragen zu werden.

Wir waren ein zäher Menschenschlag,
geformt vom Leben mit dem Atlantik.
Der Wind vom Atlantik hatte uns
so lange die Worte von den Lippen gerissen,
bis wir lernten, ohne sie auszukommen.

Der Junge aus dem Meer, Garrett Carr

 

Ein warmer, zutiefst berührender irischer Familienroman, der Mut macht und lange nachklingt. Mit leiser Kraft erzählt er davon, wie Menschlichkeit selbst dann bestehen bleibt, wenn das Leben hart wird. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der seinen eigenen Weg sucht, und eine Familie, getragen von einer Dorfgemeinschaft, die zusammenhält, wenn es darauf ankommt, und den Stürmen des Alltags nicht allein begegnet.

Garrett Carr wurde in Donegal geboren und lebt heute mit seiner Familie in Belfast. Er lehrt dort Kreatives Schreiben an der Queen’s University Belfast und schreibt regelmäßig für The Guardian und The Irish Times. Sein Buch The Rule of the Land: Walking Ireland’s Border war ein BBC Radio 4 Book of the Week. „Der Junge aus dem Meer“ ist sein Debütroman. Er ist für den Dublin Literary Award 2026 nominiert. 

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Zornige grüne Insel – Liam O’Flaherty

Unsere Reise führt uns von County Donegal weiter entlang der Westküste in das fiktive Schwarze Tal. Einen bestimmten County nennt Liam O’Flaherty nicht. Der Schauplatz steht stellvertretend für die ländlichen Regionen im Westen Irlands, die von der Großen Hungersnot besonders schwer getroffen wurden.

Im Jahr 1845 beginnt sich das Leben der Familie Kilmartin unwiderruflich zu verändern. Seit Generationen bewirtschaftet sie als Pächter ein kleines Stück Land. Die Ernte dient dazu, die Pacht aufzubringen, während die Kartoffel beinahe die einzige Nahrung der Familie ist. Als eine Krankheit die Kartoffelfelder befällt, verlieren die Menschen nicht nur ihre Lebensgrundlage. Sie geraten auch in die Gewalt eines Systems, das selbst angesichts von Hunger, Krankheit und Tod weiterhin seine Abgaben verlangt.

O’Flaherty erzählt, wie sich die Katastrophe allmählich in jeden Bereich ihres Lebens drängt. Vorräte verschwinden, Krankheiten breiten sich aus und die Angst vor Vertreibung wächst. Doch der Roman erzählt ebenso von Zusammenhalt, Widerstand und dem verzweifelten Versuch, die eigene Würde zu bewahren. Aus einem historischen Ereignis wird eine Geschichte über Menschen, die erleben müssen, wie ihre vertraute Welt innerhalb kürzester Zeit zerfällt.

Die Große Hungersnot gehört zu den tiefsten Wunden der irischen Geschichte. Rund eine Million Menschen starben, mehr als eine Million verließen das Land. Die Folgen veränderten Irlands Bevölkerungsstruktur, Sprache und Verhältnis zu Großbritannien dauerhaft. Zornige grüne Insel, erstmals 1937 unter dem Originaltitel Famine veröffentlicht, gilt als eine der bedeutendsten literarischen Darstellungen dieser Katastrophe. O’Flaherty beschreibt die Hungersnot konsequent aus der Sicht der einfachen Pächter. Er zeigt, dass die Kartoffelfäule zwar der Auslöser war, die Katastrophe aber durch Armut, Abhängigkeit, hohe Pachten und politische Gleichgültigkeit verschärft wurde. Der Roman bewahrt damit nicht nur die Erinnerung an die Verstorbenen. Er gibt jenen Menschen eine Stimme, die in historischen Zahlen und Berichten leicht verschwinden.

 

Das Einzige, dem sich ein schöpferischer Künstler entgegenstellen kann, sind Hässlichkeit und Ungerechtigkeit.

Liam O’Flaherty (1896 – 1984)

 

Liam O’Flaherty wurde 1896 auf Inishmore, der größten der Aran Islands, geboren. Er wuchs in einer irischsprachig geprägten, einfachen Familie auf und studierte später in Dublin. Während des Ersten Weltkriegs diente er bei den Irish Guards und wurde 1917 schwer verwundet. Nach dem Krieg reiste er durch verschiedene Länder und arbeitete unter anderem als Hafenarbeiter, Bergarbeiter und Seemann. Seine Erfahrungen mit Armut, Gewalt und gesellschaftlicher Ungleichheit prägten sein literarisches Werk. Internationale Bekanntheit erlangte er mit seinem Roman The Informer, den John Ford 1935 verfilmte. Liam O’Flaherty starb 1984 in Dublin. Heute gilt er als eine der bedeutenden Stimmen der irischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

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Land – Maggie O’Farrell

Wir reisen aus dem fiktiven Schwarzen Tal, Jahre später weiter an der Westküste Irlands entlang. Es ist das Jahr 1865. Die Große Hungersnot ist vorüber, doch ihre Spuren sind überall sichtbar. Verlassene Häuser, entvölkerte Dörfer und brachliegende Felder erzählen von den Menschen, die gestorben oder ausgewandert sind.

Auf einer windgepeitschten Halbinsel arbeiten Tomás und sein Sohn Liam für den Ordnance Survey an der Vermessung Irlands. Als Vater und Sohn sich in einem alten Hain aus den Augen verlieren, kehrt Tomás verändert zurück. Von nun an möchte er, dass seine Karten nicht nur Grenzen, Wege und Landschaften festhalten. Sie sollen auch von der Katastrophe erzählen, die das Land verändert hat. Seine Arbeit wird zu einer Aufgabe, der er alles andere unterordnet und die schließlich das Leben seiner gesamten Familie bestimmt.

Maggie O’Farrell verbindet die Geschichte einer Familie mit der Geschichte eines verwundeten Landes. Kinder gehen fort, andere kehren zurück, Erinnerungen überlagern sich und längst verschwundene Orte hinterlassen Spuren. Wälder, Felder und alte Wege werden zu einem Gedächtnis, in dem nichts vollkommen verloren geht. Gerade deshalb folgt Land so passend auf Zornige grüne Insel. Während Liam O’Flaherty von der Hungersnot selbst erzählt, richtet O’Farrell den Blick auf das Irland danach und auf die Frage, wie ein Land mit einer solchen Vergangenheit weiterleben kann.

Ihr werdet nie verstehen, wie das Land erinnert, wie tief die Wurzeln reichen.

Land, Maggie O’Farrell

 

„Der Sog dieser Familiengeschichte setzt 1865 im Westen von Irland ein – und reißt die Leserinnen und Leser innerhalb weniger Seiten mit. ›Land‹ ist O’Farrells bisher tiefgreifendstes, ambitioniertestes Werk.“ The Times

Maggie O’Farrell wurde 1972 im nordirischen Coleraine geboren und lebt heute in Edinburgh. Sie zählt zu den international bekanntesten Autorinnen mit irischen und britischen Wurzeln. Für The Distance Between Us erhielt sie den Somerset Maugham Award, für The Hand That First Held Mine den Costa Novel Award. Ihr Roman Judith und Hamnet wurde ein internationaler Bestseller und gewann 2020 den Women’s Prize for Fiction sowie den National Book Critics Circle Award. 2021 folgte der British Book Award für den besten Roman. Auch Land wurde kurz nach seinem Erscheinen ein New York Times Bestseller. Die Idee zum Roman geht auf O’Farrells Ururgroßvater zurück, der im 19. Jahrhundert für die Vermessung Irlands arbeitete.

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Die Kolonie – Audrey Magee

Wir verlassen nun das irische Festland. Von der windgepeitschten Landschaft aus Land geht es weiter entlang der Westküste bis zu einem kleinen Hafen. Dort endet die Straße. Kein Zug und keine Fähre nach festem Fahrplan warten auf uns, sondern ein einfaches Boot, das Kurs auf eine abgelegene Insel im Atlantik nimmt. Einen Namen trägt diese Insel nicht, denn Audrey Magee hat sie erfunden. Sie könnte jedoch eine von vielen kleinen Inseln vor der irischen Westküste sein, auf denen das Meer den Alltag bestimmt und die irische Sprache noch lebendig ist.

Im Sommer 1979 erreicht der Londoner Künstler Lloyd die Insel. Er möchte ihre Klippen, das Licht und die Bewohner malen und hofft, hier jenes außergewöhnliche Werk zu schaffen, das ihm bisher nicht gelungen ist. Kurz darauf trifft der französische Linguist Masson ein. Seit Jahren beobachtet er den Rückgang der irischen Sprache und möchte sie bewahren. Beide Männer beanspruchen die Insel auf ihre Weise für sich. Lloyd betrachtet sie als Motiv für seine Kunst, Masson als Gegenstand seiner Forschung. Dabei übersehen sie zunehmend, dass die Inselbewohner eigene Wünsche, Hoffnungen und Vorstellungen von ihrer Zukunft besitzen.

Während die Spannungen zwischen den Besuchern wachsen, verändert sich auch das Leben der Menschen auf der Insel. Besonders die Begegnungen mit Lloyd eröffnen neue Möglichkeiten, wecken aber ebenso Zweifel und Misstrauen. Gleichzeitig dringen Nachrichten über Morde und Gewalt während des Nordirlandkonflikts in die abgeschiedene Gemeinschaft. So verbindet Audrey Magee das Leben auf einer kleinen Insel mit den politischen und kulturellen Auseinandersetzungen eines ganzen Landes.

 

Das Irische wurde zu einer Sprache zweiter Klasse und entfachte einen stillen sprachlichen Bürgerkrieg, der wie die religiöse Spaltung im modernen Irland fortlebt.

Die Kolonie, Audrey Magee

Die Kolonie führt uns an einen Ort, an dem sich zentrale Fragen der irischen Geschichte verdichten. Wem gehört eine Landschaft? Wer darf ihre Geschichte erzählen? Was geschieht, wenn eine Sprache verschwindet? Und wo endet das Interesse an einer fremden Kultur und beginnt ihre Aneignung? Nach der Hungersnot in Zornige grüne Insel und ihren sichtbaren Folgen in Land richtet Audrey Magee den Blick auf eine andere Form des Verlustes. Nicht nur Menschen und Orte können verschwinden, sondern auch Wörter, Erinnerungen und kulturelle Identität. Der Roman zeigt zugleich, wie Irland von außen betrachtet, erforscht und künstlerisch festgehalten wird, während die Menschen selbst darum ringen, wie sie leben und gesehen werden möchten. Gerade deshalb ist die namenlose Insel eine wichtige Station unserer literarischen Reise.

Audrey Magee wurde in Irland geboren und lebt heute im County Wicklow. Sie studierte Deutsch und Französisch am University College Dublin sowie Journalismus an der Dublin City University. Zwölf Jahre lang arbeitete sie als Journalistin und schrieb unter anderem für The Times, The Irish Times, The Observer und The Guardian. Ihr Debütroman The Undertaking stand auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction und der Irish Book Awards. Außerdem wurde er für den International Dublin Literary Award und den Walter Scott Prize for Historical Fiction nominiert. Die Kolonie ist ihr zweiter Roman. Das Buch stand 2022 auf der Longlist des Booker Prize und auf der Shortlist des Orwell Prize for Political Fiction sowie der Irish Book Awards.

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Das ist Glück – Niall Williams

Unsere Reise verlässt die namenlose Insel aus Die Kolonie und kehrt mit dem Boot an die irische Westküste zurück. Von dort führt der Weg weiter nach Süden in den Westen des County Clare, bis an die Landschaften entlang des Shannon Estuary. Hier liegt Faha, zumindest in der Vorstellung Niall Williams’. Das Dorf ist ein literarischer Ort, zusammengesetzt aus mehreren kleinen Ortschaften, die der Autor aus seiner eigenen Umgebung kennt.

Im Jahr 1958 kommt der siebzehnjährige Noel Crowe nach Faha. Nach einer Glaubenskrise hat er das Priesterseminar verlassen und verbringt den Sommer bei seinen Großeltern. In diesem abgelegenen Dorf scheint sich seit Generationen nichts verändert zu haben. Der Regen gehört ebenso selbstverständlich zum Leben wie die alten Gewohnheiten und Geschichten seiner Bewohner. Doch ausgerechnet in der Karwoche hört es plötzlich auf zu regnen. Fast zur gleichen Zeit erreicht Christy das Dorf. Er ist gekommen, um an der bevorstehenden Elektrifizierung mitzuwirken, und zieht als Untermieter bei Noels Großeltern ein.

Zwischen dem jungen Noel und dem weitgereisten Christy entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Während Noel zum ersten Mal die Verwirrungen der Liebe erlebt und nach seinem eigenen Platz im Leben sucht, verfolgt Christy einen sehr persönlichen Grund für seine Rückkehr. Vor vielen Jahren ließ er eine Frau zurück, die er liebte. Nun möchte er sie wiederfinden und um Vergebung bitten. Doch auch in Faha ist die Zeit nicht stehen geblieben. Während die ersten Stromleitungen das Dorf erreichen, erkennen beide Männer, dass manche Veränderungen Hoffnung bringen und andere möglicherweise zu spät kommen.

 

Ganz gleich, wie es um deinen Kopf oder dein Herz steht, sage: Das ist Glück, weil du lebst, um es sagen zu können.

Das ist Glück, Niall Williams

 

Niall Williams wurde 1958 in Dublin geboren und studierte englische und französische Literatur am University College Dublin. 1980 zog er nach New York, wo er unter anderem in einer Buchhandlung und für einen Verlag arbeitete. Fünf Jahre später kehrte er gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellerin und Künstlerin Christine Breen, nach Irland zurück. Seitdem leben und arbeiten beide in Kiltumper im Westen des County Clare. Die Landschaft und die Dorfgemeinschaften dieser Region prägen viele seiner Bücher.

Sein erster Roman Four Letters of Love wurde ein internationaler Bestseller und in mehr als zwanzig Ländern veröffentlicht. History of the Rain stand 2014 auf der Longlist des Booker Prize. Das ist Glück wurde für die Irish Book Awards nominiert, stand auf der Longlist des Walter Scott Prize und wurde von der Washington Post zu den besten Büchern des Jahres gezählt. Sein späterer Roman Time of the Child, der ebenfalls in Faha spielt, gewann 2025 den Kerry Group Irish Novel of the Year Award.

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Der Stich der Biene – Paul Murray

Unser nächstes Ziel führt uns nun von Faha im Westen des County Clare in das Innere Irlands. Der Atlantik bleibt hinter uns, die Landschaft wird weiter und die Straßen führen durch Felder und kleine Ortschaften in den irischen Midlands. Bevor es später nach Dublin weitergeht, halten wir in einer namenlosen Kleinstadt. Paul Murray hat sie aus verschiedenen Orten und Erzählungen über das irische Binnenland zusammengesetzt. Der Punkt auf unserer Karte steht deshalb sinnbildlich für die Midlands.

Hier lebt die Familie Barnes, die einst zu den wohlhabenden Familien des Ortes gehörte. Doch nach der Finanzkrise von 2008 gerät ihr bisheriges Leben zunehmend ins Wanken. Dickies Autogeschäft wirft kaum noch Geld ab. Anstatt sich der drohenden Pleite zu stellen, zieht er sich in den Wald zurück und beginnt dort, einen Bunker zu bauen. Seine Frau Imelda verkauft ihren Schmuck im Internet und beginnt zugleich, die Annäherungsversuche des wohlhabenden Rinderzüchters Big Mike mit anderen Augen zu betrachten.

Auch die Kinder suchen ihren eigenen Ausweg. Die achtzehnjährige Cass war lange die Beste ihrer Klasse, beschließt nun aber, sich bis zu ihrem Schulabschluss jeden Tag zu betrinken. Ihr zwölfjähriger Bruder PJ schmiedet währenddessen einen Plan, um von zu Hause fortzulaufen. Obwohl alle unter demselben Dach leben, versucht jedes Familienmitglied für sich allein, mit dem Zerfall der vertrauten Welt fertigzuwerden.

 

Das ist die Vergangenheit, nicht wahr? Du glaubst, sie liege hinter dir. Dann betrittst du eines Tages ein Zimmer und sie wartet dort auf dich.

Der Stich der Biene, Paul Murray

 

Paul Murray erzählt die Geschichte nacheinander aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der vier Familienmitglieder. Dadurch verändert sich das Bild der Familie mit jeder Perspektive. Was für den einen wie Gleichgültigkeit aussieht, kann für einen anderen Angst, Scham oder der verzweifelte Versuch sein, jemanden zu schützen. Niemand kennt die ganze Wahrheit, obwohl alle glauben, sie zu kennen. Der Roman verbindet eine große Familiengeschichte mit dem gesellschaftlichen Wandel Irlands nach dem Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs, der als Celtic Tiger bekannt wurde. Der finanzielle Absturz der Barnes wird damit auch zum Bild eines Landes, das lange an grenzenlosen Wohlstand geglaubt hat. Trotz der schweren Themen erzählt Murray mit schwarzem Humor, großer Menschlichkeit und einem feinen Gespür für die Widersprüche seiner Figuren.

Der Stich der Biene wurde von der New York Times und der Washington Post unter die zehn besten Bücher des Jahres 2023 gewählt. Auch The New Yorker, TIME, die New York Public Library und die BBC nahmen den Roman in ihre Jahresauswahl auf. Das Buch stand auf der Shortlist des Booker Prize, gewann den An Post Irish Book of the Year Award und erhielt anschließend den Nero Gold Prize als Buch des Jahres.

Paul Murray wurde 1975 in Dublin geboren. Er studierte Englisch und Philosophie am Trinity College Dublin und absolvierte anschließend ein Studium im Kreativen Schreiben an der University of East Anglia. Bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete er als Buchhändler. Heute lebt er mit seiner Familie in Dublin. Bereits sein Debütroman An Evening of Long Goodbyes stand auf der Shortlist des Whitbread First Novel Award. Skippy stirbt stand 2010 auf der Longlist des Booker Prize und auf den Shortlists des Costa Novel Award und des National Book Critics Circle Award. Sein Roman Der gute Banker gewann den Everyman Wodehouse Prize für komische Literatur. Mit Der Stich der Biene, seinem vierten Roman, erreichte Paul Murray schließlich auch international ein besonders großes Publikum.

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Das Mädchen mit den grünen Augen – Edna O’Brien

Vom irischen Binnenland führt der Weg nun nach Dublin. An einem der kleinen Bahnhöfe steigen wir in den Zug Richtung Osten. Felder, Dörfer und schließlich die ersten Vororte ziehen am Fenster vorbei, bevor der Zug Dublin Heuston erreicht. In der irischen Hauptstadt beginnt mit Edna O’Brien ein neues Kapitel, das von weiblicher Selbstbestimmung, gesellschaftlichen Grenzen und einer Liebe erzählt, die im katholisch geprägten Irland auf Ablehnung stößt. Wenn ich ein Buch nennen müsste, das ich besonders mit Irland verbinde, wäre es wahrscheinlich Das Mädchen mit den grünen Augen. Edna O’Brien erzählt von einer jungen Frau, die zwischen ländlicher Herkunft, katholischer Moral und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ihren eigenen Weg sucht. Ein Roman über Liebe und Abhängigkeit, über gesellschaftliche Grenzen und den Mut, sich nicht mit dem vorgesehenen Platz zufriedenzugeben.

Caithleen und ihre selbstbewusste Freundin Baba haben das ländliche Irland hinter sich gelassen und leben nun gemeinsam in Dublin. Sie sind jung, neugierig und voller Erwartungen an das Leben. Als sie den älteren Dokumentarfilmer Eugene Gaillard kennenlernen, verliebt sich Caithleen in ihn. Eugene ist gebildet, protestantisch und verheiratet. Für die unerfahrene Caithleen verkörpert er eine Welt, die ihr bisher verschlossen geblieben ist. Zwischen beiden beginnt eine Beziehung, die Caithleen Freiheit und Nähe verspricht, sie aber zugleich in eine neue Abhängigkeit führt. Während sie an eine gemeinsame Zukunft glaubt, bestimmen Eugenes Erfahrungen und Entscheidungen zunehmend den Verlauf ihrer Liebe. Als ihre Beziehung bekannt wird, reagieren Familie und Gesellschaft mit Ablehnung.

Für ihren Vater und den örtlichen Priester bedeutet diese Verbindung einen Verstoß gegen die katholische Moral.  In dieser Auseinandersetzung zeigt sich die eigentliche gesellschaftliche Macht, gegen die Caithleen ankämpft. Über ihr Leben und ihre Beziehung entscheiden zunächst Männer: der Vater, der Priester und schließlich auch Eugene. Ihre Wünsche spielen kaum eine Rolle. Edna O’Brien erzählt damit nicht nur von einer verbotenen Liebe, sondern von einer jungen Frau, die versucht, in einer von Religion, Familie und männlicher Autorität bestimmten Gesellschaft über ihr eigenes Leben zu verfügen.

 

Es gibt Augenblicke im Leben, die man niemals vergessen kann. An jenen Morgen erinnere ich mich noch genau, an die weißen Äste der jungen Birken im Frühnebel und an die Sonne, die in leuchtendroter Pracht hinter dem Berg aufging, als wäre es der Schöpfungstag der Welt.

Das Mädchen mit den grünen Augen, Edna O’Brien

Der Roman erschien 1962 unter dem Originaltitel The Lonely Girl und wurde später auch unter dem Titel Girl with Green Eyes veröffentlicht. Er ist der zweite Teil der sogenannten Country Girls Trilogie, die das Leben der Freundinnen Caithleen und Baba vom ländlichen Irland über Dublin bis nach London begleitet. Die drei Romane gehören heute zu den bedeutenden Werken der modernen irischen Literatur über weibliche Selbstbestimmung. Zur Zeit ihrer Veröffentlichung lösten die Bücher in Irland einen Skandal aus. Bereits O’Briens Debütroman The Country Girls war 1960 von der irischen Zensurbehörde verboten worden. Auch The Lonely Girl durfte nach seinem Erscheinen in Irland nicht verkauft oder verbreitet werden. Edna O’Brien schrieb offen über weibliches Begehren, unglückliche Beziehungen und die Macht von Kirche, Familie und gesellschaftlicher Moral. Themen, über die Frauen öffentlich kaum sprechen sollten.

Edna O’Brien wurde 1930 im County Clare geboren und entwickelte sich zu einer der international bedeutendsten irischen Schriftstellerinnen. In ihren Romanen, Erzählungen und Theaterstücken schrieb sie über Frauen, deren Leben von religiösen, gesellschaftlichen und familiären Grenzen bestimmt wurde. Für ihr Gesamtwerk erhielt sie unter anderem den Irish PEN Lifetime Achievement Award, den PEN/Nabokov Award, den Prix Femina spécial und 2019 den David Cohen Prize for Literature. 2015 wurde sie als Saoi in die irische Künstlervereinigung Aosdána aufgenommen, eine der höchsten kulturellen Ehrungen Irlands. Edna O’Brien starb 2024 im Alter von 93 Jahren. Ihr Werk hat die irische Literatur verändert und vielen Autorinnen den Weg bereitet. 1964 wurde der Roman unter dem Titel Girl with Green Eyes mit Rita Tushingham, Peter Finch und Lynn Redgrave verfilmt. Edna O’Brien schrieb selbst das Drehbuch. In Deutschland erschien der Film unter dem Titel Die erste Nacht, in der DDR wurde er als Das Mädchen mit den grünen Augen gezeigt.

 

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*Englische Ausgabe: The Country Girls Trilogy

Long Island – Colm Tóibín

Dublin bleibt nun hinter uns. Vom Bahnhof Connolly fährt der Zug in Richtung Süden, zunächst durch die Vororte der Hauptstadt und anschließend entlang der irischen Ostküste. Hinter Bray und Greystones öffnet sich der Blick auf die Irische See, bevor die Strecke über Wicklow, Arklow und Gorey nach Enniscorthy führt. Die Stadt im County Wexford ist nicht nur der Schauplatz des Romans, sondern auch Colm Tóibíns Geburtsort.

Im Frühjahr 1976 lebt Eilis Lacey seit fast zwanzig Jahren mit ihrem Mann Tony und den beiden gemeinsamen Kindern auf Long Island. Die Häuser von Tonys italienisch amerikanischer Familie stehen dicht beieinander, das Leben wird miteinander geteilt und kaum eine Entscheidung bleibt wirklich privat. Eilis hat sich in dieser Gemeinschaft eingerichtet, ohne sich ihr jemals vollständig zugehörig zu fühlen. Eines Tages steht ein fremder Mann vor ihrer Tür und erklärt ihr, dass seine Frau ein Kind von Tony erwartet. Nach der Geburt werde er das Baby bei Tonys Familie abgeben. Während Tony und seine Verwandten überlegen, wie das Kind innerhalb der Familie aufwachsen könnte, trifft Eilis eine klare Entscheidung. Sie will nicht mit dem Kind ihres Mannes unter einem Dach leben. Nach Jahrzehnten in Amerika kehrt sie deshalb zu ihrer Mutter nach Enniscorthy in Irland zurück.

Dort begegnet sie Jim wieder, der großen Liebe, die sie einst zurückließ, als sie sich für Tony und das Leben in Amerika entschied. Die Gefühle zwischen ihnen sind nicht verschwunden, doch beide haben inzwischen andere Verpflichtungen und Erwartungen zu erfüllen. Aus ihrer Wiederbegegnung entsteht ein Geflecht aus Hoffnungen, Geheimnissen und unausgesprochenen Entscheidungen. Eilis steht erneut zwischen zwei Ländern und zwei möglichen Leben. Diesmal weiß sie jedoch, welchen Preis jede ihrer Entscheidungen haben könnte.

Long Island setzt die Geschichte von Brooklyn fast zwanzig Jahre später fort. Der Roman kann dennoch ohne Kenntnis des ersten Bandes gelesen werden. Wer Brooklyn kennt, begegnet Eilis als einer Frau wieder, die sich verändert hat und nicht länger bereit ist, jede Entscheidung still hinzunehmen. Obwohl der Titel nach Amerika führt, spielt ein großer Teil des Romans in Irland. Tóibín erzählt damit nicht nur von einer wiedergefundenen Liebe, sondern auch von Auswanderung, Zugehörigkeit und der Frage, ob eine Rückkehr in die Heimat wirklich möglich ist. Eilis kehrt an denselben Ort zurück, doch weder sie selbst noch die Menschen, die sie verlassen hat, sind dieselben geblieben.

Der Roman wurde 2024 als 105. Titel für Oprah’s Book Club ausgewählt und stand auf der Longlist des Dublin Literary Award 2025. Brooklyn, der erste Roman über Eilis Lacey, gewann den Costa Novel Award und wurde 2015 mit Saoirse Ronan in der Hauptrolle verfilmt.

 

Eilis kam der Gedanke, dass sich alles fügen würde, wenn sie nicht mehr an sich und ihre eigenen Wünsche dachte.

Long Island, Colm Tóibín

 

Mit Long Island erreicht die Route Enniscorthy im County Wexford und zugleich eines der großen Themen der irischen Literatur: das Fortgehen und die Sehnsucht nach Rückkehr. Eilis hat Irland verlassen, um sich in Amerika ein neues Leben aufzubauen. Als dieses Leben zerbricht, führt ihr erster Weg zurück in die Stadt ihrer Jugend. Damit verbindet der Roman die irische Ostküste mit der Geschichte der Auswanderung. Er zeigt, dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern auch aus Erinnerungen, Entscheidungen und ungelebten Möglichkeiten besteht. Enniscorthy wird zu einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart noch einmal aufeinandertreffen.

Colm Tóibín wurde 1955 in Enniscorthy im County Wexford geboren. Er gehört zu den international bedeutendsten irischen Schriftstellern der Gegenwart und ist Autor von elf Romanen, mehreren Erzählbänden, Essays und Sachbüchern. Seine Werke wurden dreimal für den Booker Prize nominiert. Für Brooklyn erhielt Tóibín den Costa Novel Award. The Master wurde mit dem International Dublin Literary Award ausgezeichnet, The Magician gewann den Rathbones Folio Prize. Von 2022 bis 2024 war Tóibín Laureate for Irish Fiction. Er lehrt als Professor für Geisteswissenschaften an der Columbia University und lebt in Dublin und New York. 2024 wurde ihm außerdem der Würth Preis für Europäische Literatur verliehen.

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Kleine Dinge wie diese – Claire Keegan

Für die letzte Etappe bleiben wir im County Wexford. Von Enniscorthy führt der Weg über Land nach New Ross, einer kleinen Stadt am River Barrow. Hier endet die literarische Rundreise durch Irland im Dezember 1985, an der Seite des Kohlenhändlers Bill Furlong und vor einer Entscheidung, die größer ist als all die kleinen Dinge, aus denen sein bisheriges Leben bestand.

Im Dezember 1985 bereitet sich der Kohlenhändler Bill Furlong in der irischen Kleinstadt New Ross auf die arbeitsreichsten Wochen des Jahres vor. Bei einer Lieferung an das örtliche Kloster macht er eine Entdeckung, die ihn mit dem Schicksal der dort untergebrachten Frauen und Mädchen konfrontiert. Während die Menschen der Stadt schweigen und die Macht der katholischen Kirche unangetastet bleibt, muss Bill entscheiden, ob auch er wegsehen kann.

Ein kurzer Roman, der zeigt, wie viel Wucht in einem einzigen moralischen Moment liegen kann. Es geht um Mitgefühl, um Wegsehen und um das Gewicht einer Entscheidung, die andere lieber nicht bemerken möchten. Still, präzise und zutiefst menschlich. Es ist ein schwieriger Stoff, und genau das macht die Lektüre so eindringlich. Der Ton ist außergewöhnlich fein, fast zart, und trotzdem schneidet er tief. Dieses Buch erzählt von einer Grausamkeit, die nicht aus einer fernen Vergangenheit stammt, sondern erschreckend nah ist. Während man liest, drängt sich immer wieder derselbe Gedanke auf: Wie kann es sein, dass Menschen einander zu so etwas fähig sind?

Er fragte sich, ob das Leben überhaupt einen Sinn habe, wenn man einander nicht helfe.

Kleine Dinge wie diese, Claire Keegan

 

Claire Keegan ist eine irische Autorin, die für ihre knappen, präzisen und emotional intensiven Texte bekannt ist. Mit Small Things Like These gewann sie 2022 den Kerry Group Irish Novel of the Year Award und den Orwell Prize for Political Fiction. Im selben Jahr stand der Roman auf der Shortlist des Booker Prize. ARTE widmete der Autorin und ihrem Werk das literarische Porträt Claire Keegan: Eine Stimme gegen die Ungerechtigkeit.

Der Roman wurde 2024 unter der Regie von Tim Mielants mit Cillian Murphy in der Hauptrolle verfilmt. Small Things Like These eröffnete als erster irischer Film die Internationalen Filmfestspiele Berlin und wurde 2025 mit drei Irish Film and Television Awards ausgezeichnet.

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Irland, eine Geschichte des Weiterlebens

Irlands Geschichte ist von Verlust, Fremdherrschaft und Auswanderung geprägt. Die Große Hungersnot von 1845 bis 1852 kostete etwa eine Million Menschen das Leben und zwang noch mehr zur Flucht. Ganze Dörfer verschwanden, Familien wurden auseinandergerissen und Erinnerungen über Generationen weitergetragen. Nach dem Kampf um die Unabhängigkeit entstand 1922 der Irische Freistaat, während sechs Grafschaften im Nordosten Teil des Vereinigten Königreichs blieben. Die Teilung der Insel und der Nordirlandkonflikt hinterließen neue Wunden. Erst das Karfreitagsabkommen von 1998 schuf die Grundlage für einen bis heute bedeutenden Friedensprozess.

Gleichzeitig veränderte sich die Republik Irland. Aus einem lange armen und stark katholisch geprägten Land wurde eine moderne, offene Gesellschaft. Doch die Vergangenheit ist nicht verschwunden. Sie lebt in verlassenen Häusern, alten Grenzwegen, Familiengeschichten und in der Literatur weiter. Irlands Bücher erzählen zugleich immer wieder von Menschen, die bleiben, zurückkehren, einander aufnehmen und trotz allem neu beginnen. Irlands Geschichte ist deshalb nicht nur eine Geschichte des Leidens. Sie ist auch eine Geschichte des Weiterlebens und der Hoffnung.

Am Ende dieser Reise bleiben nicht nur Orte auf einer Karte, sondern Geschichten, die von Irland erzählen. Von seiner Schönheit und seinen Wunden, von Aufbruch und Verlust, von Schweigen, Mut und Hoffnung. Vielleicht hat eines dieser Bücher eure Neugier geweckt oder den Wunsch, selbst einmal durch Donegal, Clare, Dublin oder entlang der irischen Küste zu reisen. Ich wünsche euch, dass ihr zwischen diesen Seiten euer ganz persönliches Irland entdeckt. Und vielleicht beginnt die schönste Reise tatsächlich mit einem Buch. Fogandbooks

 

Quellennachweis:
1 John O’Donohue: „The Inner Landscape of Beauty“, Gespräch mit Krista Tippett, The On Being Project, 28. Februar 2008. Das Gespräch wurde am 1. Oktober 2007 aufgezeichnet und am 28. Februar 2008, nach O’Donohues Tod, erstmals ausgestrahlt.

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