Der Gesang der Flusskrebse

  • Titel: Der Gesang der Flusskrebse
  • Autor/in: Delia Owens
  • Verlag: Hanser
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • Genre: Romane & Erzählungen
  • Seiten: 560
  • Tropes: Roman / Belletristik

Der Gesang der Flusskrebse Delia Owens

Lange nach der letzten Seite bleibt nicht nur eine Geschichte zurück, sondern eine Landschaft. Das wechselnde Licht über den Salzmarschen, das Kommen und Gehen der Gezeiten und der Ruf der Wasservögel begleiten die Erinnerung weit über den Roman hinaus. Der Gesang der Flusskrebse erzählt von einem Ort, der ebenso lebendig wirkt wie seine Figuren.

Sie wusste mehr über die Gezeiten, über Schneegänse,
Adler und Sterne, als die meisten Menschen je wissen würden.
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Die Geschichte führt in die Salzmarschen an der Küste North Carolinas. Zwischen Gezeiten, Schilf, Muschelbänken und endlosen Wasserarmen wächst Kya Clark auf. Von der Dorfgemeinschaft wird sie nur das Marschmädchen genannt. Während ihre Familie nach und nach verschwindet, bleibt sie allein zurück und lernt, nicht von Menschen, sondern von der Natur. Was diesen Roman so außergewöhnlich macht, ist seine Ruhe. Delia Owens erzählt nicht laut. Sie vertraut darauf, dass Landschaften sprechen können. Jede Tide verändert den Blick auf die Welt, jeder Vogel, jede Muschel und jede Feder erzählt etwas über das Leben. Die Marsch ist dabei weit mehr als eine Kulisse. Sie wird zu einer eigenen Figur. Sie schützt, ernährt, tröstet und prüft zugleich. Dabei entwickelt sich die Geschichte langsam. Wer einen klassischen Kriminalroman erwartet, wird überrascht sein. Zwar steht ein rätselhafter Todesfall im Mittelpunkt, doch eigentlich erzählt Owens von Einsamkeit, Ausgrenzung und der Frage, wie ein Mensch wird, wenn ihm kaum jemand Liebe oder Vertrauen entgegenbringt.


Du allein weißt

Wie Einsamkeit
Den Augenblick fast
Ins Unermessliche dehnt
Bis er endet
Und wie viel Himmel
In einem Atemzug ist
Wenn die Zeit vom Sand
Zurückgleitet.2

 

Besonders beeindruckend ist die Verbindung zwischen Wissenschaft und Poesie. Delia Owens war viele Jahre Zoologin. Dieses Wissen spürt man auf jeder Seite. Pflanzen, Vögel und Tiere erscheinen niemals wie dekorative Beschreibungen. Sie gehören selbstverständlich zu dieser Welt und erklären oft mehr über die Figuren als lange Dialoge. Auch sprachlich besitzt das Buch eine ungewöhnliche Klarheit. Delia Owens schreibt mit ruhigen Bildern, ohne sich in großen Gesten zu verlieren. Viele Szenen wirken beinahe still. Gerade dadurch entfalten sie ihre emotionale Kraft. Dass Der Gesang der Flusskrebse weltweit Millionen Leserinnen und Leser berührt hat, überrascht deshalb kaum. Hinter der Geschichte verbirgt sich kein spektakulärer Plot, sondern etwas viel Zeitloseres. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Der Wunsch, gesehen zu werden. Und die Erkenntnis, dass manche Orte zu einem Zuhause werden können, selbst wenn dort kein anderer Mensch auf einen wartet.

Der Gesang der Flusskrebse ist ein Roman über das Erwachsenwerden, über Einsamkeit und die leisen Kräfte der Natur. Wer atmosphärische Literatur liebt, in der Landschaften ebenso wichtig sind wie die Menschen, wird dieses Buch lange in Erinnerung behalten. Für Leserinnen und Leser von: Kristin Hannah, Barbara Kingsolver, Maggie O’Farrell, Helen Macdonald und allen, die Geschichten suchen, in denen Orte eine Seele besitzen.

Delia Owens schrieb nicht aus der Distanz über die Natur. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Mark Owens forschte sie viele Jahre als Zoologin in Afrika und veröffentlichte bereits 1984 das viel beachtete Sachbuch Cry of the Kalahari (Der Ruf der Kalahari). Darin beschreibt sie das Leben und ihre Forschungsarbeit in der Kalahari Wüste Botswanas. Diese jahrelange Erfahrung prägt auch Der Gesang der Flusskrebse. Pflanzen, Vögel und Tiere wirken nie wie schmückendes Beiwerk. Sie sind ein selbstverständlicher Teil der Geschichte und erzählen oft ebenso viel über die Figuren wie deren Dialoge. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Atmosphäre des Romans. Die Natur dient nicht als Kulisse, sondern wird zu einer eigenen Erzählerin.

Der Roman wurde 2022 unter dem Titel “Where the Crawdads Sing“ verfilmt. In der Hauptrolle ist Daisy Edgar-Jones (“Twister“) zu sehen. Der Film wurde vor allem für seine dichte Atmosphäre und die eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen gelobt. Das Marschland, das Licht und die stille Weite wurden visuell sehr nah am Gefühl des Buches eingefangen. Auch wenn die Geschichte in ihrer Tiefe etwas reduziert wurde, bleibt die besondere Stimmung erhalten, die diesen Roman so prägt.

1.  Der Gesang der Flusskrebse – Delia Owens (S.135)
2. Der Gesang der Flusskrebse – Delia Owens (S.269)

Dieses Buch ist erhältlich bei

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